Logo der Aktiven Diabetiker Austria

Mittersteig 4/21, A 1050 Wien
Telefon & Fax: 01/587 68 94


Artikelanfang:

Der Traum der Diabetiker!

Traum und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander. Gibt es Hoffnung, unsere Träume umzusetzen?

Zuerst einmal wollen wir nicht krank sein. Wir wollen alle durch diese Krankheit nötigen Behinderungen so wenig lästig halten wie möglich, wir wollen keinen Eingriff in unser gewohntes Leben dulden.
Bei genauer Analyse dieser so einfach klingenden Forderungen finde ich jedoch sehr schwierige Fragen:

  • Medizinisch gesehen sollte unser Blutzuckerspiegel immer in einer Höhe gehalten werden, die keine Schädigung unserer Gefäße, große oder kleine, mit sich bringt.
    Therapien, die versprechen dies zu erreichen, gibt es mehrere, und sie werden immer mehr. Die Nebenwirkungen einiger Therapien kann man jedoch wiederum als äusserst lästig beschreiben und Ärzte, welche uns die Anwendung dieser neuen Therapien empfehlen, wissen oft nicht, wie die Folgen in einigen Jahren sein werden. Es gibt Therapien ohne Untersuchungen der Todesfolgen nach zehn Jahren (Achtung, Patentschutz läuft schneller aus als Beobachtungszeitraum), und zur Empfehlung einer bestimmten Therapie sollte der therapieführende Arzt zumindest eine größere Gruppe von Patienten auf gleiche Weise erfolgreich behandelt haben.
  • Therapie und soziales Leben ist in Einklang zu bringen. Der Patient legt im jeweiligen Moment immer mehr Wert auf Aufrechterhaltung der sozialen Situation als auf Einhaltung der therapeutischen Vorschriften. Zum Beispiel: ein Betroffener musste, um schnellen Blutzuckerabbau zu vermeiden, in gewissen Abständen Kohlehydrate essen. Nun steht er z.B. als Verkäufer bei einem Kunden, der ihn eine längere Zeit warten lassen musste: isst er vor dem Kunden und bekommt daher keinen Auftrag, oder kämpft er sich durch und verändert aus diesem Grund seine Therapie. Das Leben fordert Möglichkeiten, aus dem gewohnten Brauch auszubrechen, z.B. Eisessen mit den Enkeln. Bietet mir dies meine Therapie, oder gibt es andere Therapien, die für mich möglich wären, welche dies erlauben? Insulinspritzen vor vielen Mitschülern: ziehe ich die Hose runter (ich mache mich lächerlich) oder gehe ich auf das Klo (oh wie unhygienisch) oder spritze ich (die Flüssigkeit besteht zum Großteil aus Desinfektionsmittel/Konservierungsstoffen) einfach durch meine Hose?
  • Blutzuckerspiegel immer in einem ungefährlichen Bereich halten, also unter rund 200mg/dzl.: die Therapie hängt zum größten Teil von meinem gesundheitlichen Zustand ab: arbeitet meine Bauchspeicheldrüse noch und muss ich sie nur phasenweise unterstützen, bis zum Zustand: ich habe gar kein eigenes Insulin mehr und ersetze die Arbeit der Bauchspeicheldrüse durch meine persönliche Fürsorge und die Kunst meines Arztes/ der Pharmaindustrie.

Gelingt es mir, durch Disziplin beim Essen hohe Blutzuckerwerte zu vermeiden?

  • Kann ich durch Training und viel Bewegung, hauptsächlich Krafttraining, in meinen Muskeln so viel Zuckerreserven speichern (Glykogenspeicher), dass mein Kreislauf ohne gefährliche Schwankungen, besonders ohne Hypos, reagiert und bin ich in der Lage, Ratschläge und Schulungserklärungen meiner Berater und Ärzte zu verstehen und habe ich den Willen und die Fähigkeit, mich auch daran zu halten?
  • Sind diese Fragen einmal geklärt, und es kann Jahre dauern bis alles wie geschmiert läuft, dann erst kann eine zu mir passende Therapie gefunden und vorgeschlagen werden.
  • Arzt oder Diabetesberater? Ärzte haben Gespräche mit der Seele ihrer Patienten nicht gelernt. Diabetesberater sind dazu in der Lage, auf Grund ihrer Ausbildung und ihrer Erfahrung. Nur beide zusammen können eine für mich passende Therapie finden, und ohne ärztliche Mithilfe kann – und darf – dies auch kein Diabetesberater.

Mein Traum beginnt auf der Universität:

Es gibt Studien (so sagt man in diesen Kreisen) die nachweisen, dass die Hälfte aller Patienten in einem Alter von mehr als 50 Jahren in die Obhut eines diabetesgeschulten Arztes gehören. Bei der Ausbildung unserer Ärzte wird darauf aber nicht Rücksicht genommen, und wo finde ich z.B. eine Ordination mit überwiegend jungen Patienten?
Patienten sagen, sie möchten zu ihrer Behandlung, auch in anderen Fächern, einen Arzt vorfinden, der diabetesgeschult / insulinfit ist. So möchte keine Dame zu einem Frauenarzt gehen, der nicht insulinfit ist, wenn sie selber Insulin spritzen muss.
Auf diese Patientennotwendigkeiten sollte bei der Ausbildung unserer Ärzte Rücksicht genommen werden und z.B. keine Herzpatienten geführt werden, die erst nach dem dritten Herzbypass ein Gespräch über Diabetes angeboten erhalten.

Ich träume voll Bewunderung für unsere Wissenschaftler, dass die epigenetische Forschung, die Beeinflussung unserer Zellstrukturen, zu einer Erleichterung für Diabetiker führen wird. Von einer Heilung, von Vernichtung der Anlage, wage ich nicht einmal zu träumen.

Als Albtraum sehe ich in diesem Bereich die Tatsache, dass unser eigenes Leben, das Leben unserer Eltern und weiteren Vorfahren, Einfluss auf das Leben der in Zukunft geborenen Kinder hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir als junge, noch gesunde Menschen bereits daran denken und unser Leben so gestalten, dass keine Schädigung unserer zu erwartenden Nachkommen erfolgt.

Bei der Arbeit unserer Hausärzte – und die sind ja für uns hauptsächlich verantwortlich – träume ich von mitdenkenden Krankenkassen, welche die vermehrte Arbeit, die wir als schwierige Patienten verursachen, auch entsprechend honorieren. Also keine Kürzungen bei zu hoch verrechnetem Gesprächsaufwand, den wir selbstverständlich verursachen, Bezahlung eines zweiten Hausarztes pro Quartal, der eine Arzt für die ganze Familie, der andere für meine Diabetesprobleme.
Schulungen sind bei jeder Therapie eine in der Beschreibung dieser Therapie angesagte Notwendigkeit. Honoriert werden sie, eher großzügig, bei unseren Hausärzten aber nur, wenn die Abrechnung in Gruppen erfolgen kann. Kommt keine Gruppe zustande, bleiben wir ungeschult.
Schulungen sind – unter Aufsicht des Hausarztes – hauptsächlich von Diabetesberatern durchzuführen. Dieser muss, ein sicher nicht erfüllbarer Teil meines Traumes, Einblick in die ELGA-Daten seiner Klienten erhalten.
Schulungen sind bei jeder Therapieänderung notwendig – zur Zeit im Abrechnungssystem bei uns jedoch nicht vorgesehen.

Diabetesberater sind für die Führung von uns Diabetikern zuständig. Sie sind der verlängerte Arm des therapieführenden Arztes. Mein Traum sieht die Berater örtlich im Land aufgeteilt (so wird die Forderung nach verkürzten Zufahrtswegen erfüllt) als Mitarbeiter von mehreren Ärzten. Träume ich besonders gut, dann mit freier Beraterwahl. Und bei so einem System brauchen die Krankenkassen ihre Abrechnungslinien nicht zu verändern, sondern nur direkt an die Berater zahlen: dort kommen immer die geforderten Gruppengrößen zusammen.
Es gibt Gesetze, die Beratern jedoch einen Verdienst unmöglich machen, wenn sie nicht Angestellte einer größeren ärztlichen Organisation sind. Berater haben die gesetzliche Möglichkeit zu schulen, zu beraten, Diabetiker zu führen, so weit sind die gesetzlichen Grundlagen vorhanden – nur das Ärztegesetz verhindert die Ausübung durch ein Verdienstverbot und sollte entsprechend angepasst werden.

Unser Traum scheint sehr teuer zu sein. Viel mehr Wissen bei Ärzten, viel mehr Beratereinsatz – dieser Gedanke ist falsch, denn die Wirklichkeit wird wesentlich billiger werden, denn viele Krankenhausaufenthalte, viele Folgeschäden mit sehr teuren Kosten sind durch richtige Behandlung und gute Führung vermeidbar.

Und vor dem Aufwachen der Höhepunkt meines Traumes: kein im System Verantwortlicher sollte verpflichtet sein, dem Vorteil einer politischen Gruppe, eines Bundeslandes, einer Finanzierung durch Beiträge, oder durch Landesgelder Beachtung zu schenken. Rein das Interesse der Betroffenen sollte Grundlage der Entscheidungen sein. Die lang geforderte „Finanzierung aus einer Hand“ sollte kein Traum bleiben.

Foto: © WA Kassin

Dr. Erich Wolfrum
Obmann der „Aktiven Diabetiker Austria“

E-Mail: erich.wolfrum@aktive-diabetiker.at
Telefon: 01/587 68 94




zurück zur Übersicht


ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 28.10.2016 - 16:03 Uhr

Quelle: www.aktive-diabetiker.at © ADA - Aktive Diabetiker Austria - Mittersteig 4/21, A 1050 Wien