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Ich bin dick!

Und ich leide, weil ich mich nicht wohl fühle, weil ich weiss, dass es meine Krankheit verschlechtert und besonders weil mich alle schief anschauen. Ein fiktives Interview.

Auch ein fiktives Interview kann manchmal sehr aufschlußreich sein. Man könnte sich beim Lesen der folgenden Zeilen durchaus ertappt fühlen, oder aber auch nicht. Probieren Sie es einfach aus.

Frau X: Ich bin Diabetikerin und richtig dick. Das ist der Hauptgrund, warum ich immer weniger unter Leute gehe.

Porta: Ich habe es ja schon einmal gesagt, aber das Ansehen von dicken Frauen hängt sehr stark von den Zeiten ab, zu denen sie leben und auch vom Ort, wo sie leben. Zur Zeit des 30 – jährigen Krieges, als alles hungern musste, hat Peter Paul Rubens seine unglaublich erotischen, unglaublich molligen Damen gemalt. Im China des 19. Jahrhundert wurden die Ehefrauen und Konkubinen regelrecht gemästet, in Arabien ist das noch bis vor Kurzem der Fall gewesen, in Teilen Afrikas ist es noch so. Allerdings war der Status der Frau in diesen Ländern und zu dieser Zeit eher der eines Sexspielzeuges, aber immerhin, man hat dicke Frauen als sehr erotisch empfunden. Ich sage meinen Studentinnen – um sie von wirklich ungesundem Fasten abzuhalten – immer wieder, dass es kaum Porno – Filme mit ganz Dünnen gibt.

Frau X: Exotische Erotik, schön und gut, aber mir ist das relativ egal was Männer vor 100 Jahren in entfernten Weltzonen wollten, ich leide, weil ich mich nicht wohl fühle, weil ich weiss, dass es meine Krankheit verschlechtert und besonders weil mich alle schief anschauen.

Porta: Das Argument mit der Krankheit ist stichhaltig. Obendrein verschlechtern sich bei Dicken auch diabetische „Mitbringsel“ wie Schlaganfallrisiko, Infarktrisiko und dergleichen, vor allem aber sind die Chancen auf Bewegung, die Sie als NIDDM (nicht insulinabhängiger Diabetes mellitus) so dringend brauchen eingeschränkt. Was das schief Anschauen betrifft, so kenne ich da einen Herrn aus dem Fitnesscenter, der ist etwa 70, ist etwa einen Meter 70 groß und hat ca. 125 Kilo. Es ist einer von den hübschen, sympatischen Dicken, mit weißen Haaren und intelligenten Zügen. Er hat mir gestanden, dass er von seinem Chef wegen seiner Körperfülle gemobbt wurde, unter dem Motto er hätte keine Essdisziplin und deshalb wahrscheinlich auch keine Disziplin bei der Arbeit. Hier zeigt sich eine der günstigen Seiten des Dickseins, nämlich die Möglichkeit, auf Grund solcher Äußerungen dumme Menschen, die deshalb ihre Charakterlosigkeit so entlarvend zeigen, zu erkennen, ohne dass man jahrelang von ihnen eingewickelt wird.

Frau X: Klingt nett, aber mein ungutes Gefühl in Gesellschaft bleibt trotzdem. Was soll ich denn machen? Diäten sind schrecklich und schlagen nach kürzester Zeit in noch mehr Gewicht um.

Porta: Auf österreichisch: „Es muaß wos g’schegn!“, da sind wir uns einig. Weniger Nahrungszufuhr bei gleichem Energieumsatz ist eine Foltermethode. Wir steigern etwas den Energieumsatz, brauchen dadurch mehr Kalorien und müssen nicht so viel einsparen. Im Gegensatz zu dem Deppen, der unseren Freund gemobbt hat, bekommen die meisten Fitnessstudiobewohner respektvolle und bewundernde Blicke, wenn sie eine dicke Dame als Fitnessfrischling mit dem Trainer zu den Geräten schreiten sehen. Erstens wegen des mutigen „outens“ ihrer Figur und zweitens wegen der tapfer gewagten, beträchtlichen Anstrengung, die anfangs schon geringe Gewichtmengen verursachen. Eine rasche Eingliederung in “nach Trainings Geselligkeit bei Elektrolytgetränken und Tratsch” ist ihr sicher. Weil die meisten Dicken freundlich sind (sie wollen ja gemocht werden) ist diese Integration kein großes Problem. Natürlich gibt es auch in Fitnesscentern meckernde Idioten, sehr selten aber doch, die werden aber mit Hilfe des neu gewonnenen Freundeskreises am Boden zerstört.
Der heißeste Rat den ich geben kann: Nur ja nicht zuviel Ehrgeiz, kleine Fitnessdosen, es soll so Freude machen, dass zwar nach dem Training durchaus einmal ein kleines Muskelkaterchen da sein könnte, aber das schöne Gefühl, dass man von der eigenen Bewegung bewegt ist, gewinnt die Oberhand.

Frau X: Hab ich doch alles schon probiert, nach einer Woche habe ich kein einziges Gramm abgenommen. Ich komme aus der Übergewichtsnummer nie mehr heraus.

Porta: Was glauben Sie denn, was durch das Training passiert? Fettabsaugung? Nein, die Fettzellen werden weniger und die Muskelzellen mehr. Muskelfleisch ist aber schwerer als Fett, deshalb kann es sogar sein, dass Sie anfangs ein bisschen zunehmen – ein günstiges Zeichen, der Muskelaufbau auf Kosten von Fettzellen hat begonnen! Bitte, bitte auch jetzt nicht überfordern! Schnuckeln Sie einfach so dahin, wie es Ihnen Spaß macht. Gewöhnen Sie sich an die Regelmäßigkeit von Training und Tratsch.
Wenn Sie wissen wollen, wie das Training auf Ihren Blutzucker wirkt noch ein Tipp: Unmittelbar nach der Anstrengung sind Sie voller Adrenalin, das den Speicherzucker aus der Leber ins Blut holt und damit die Muskeln füttern will. Warten Sie bis cirka 15 Minuten nach Traingsende mit dem Messen. Die Muskeln müssen nämlich den auch noch im letzten Trainigsmoment produzierten Zucker erst fertig aufschlürfen. Dann erst sehen Sie den Effekt.

Frau X: Aber das dauert dann doch endlos, bis man was merkt!

Porta: Wer ist „man“? Sie haben Jahre damit zugebracht, sich so richtig anzufuttern, und jetzt wollen Sie das in sechs Wochen rückgängig machen? Das funktioniert einfach nicht – oder nur als Teilerfolg auf Kosten der Gesundheit. Versprechen Sie mir eines: Nie, nie, nie eine kohlenhydratfreie Crashdiät! Es haben sich schon mehr, als das Internet zugeben will, so an den Rand des Grabes gehungert! In kurzen Worten: Sie sperren den Eingang von Eiweiß in den Energiemotor, weil sie den Einfüllstutzen, der aus Kohlenhydrat besteht, zerstören, Dadurch bleiben saure Abbauprodukte im Blut und saures Blut kann keinen Sauerstoff zu Herz und Hirn transportieren. Eine scheußliche Situation.
Haben Sie einfach Geduld, rechnen Sie durch, wieviel Jahre Sie gebraucht haben, um dick zu werden, und dann überlegen Sie sich das aufbauende Beispiel: Fünf bis zehn Jahre Fettaufbau. Wenn Sie dagegen pro Tag nur eine Wurstsemmel weglassen (Rückfälle sind einkalkuliert, wir sind schwache Menschinnen), dann sind das im ersten Jahr etwa 120.000 Kalorien, das sind praktisch gerechnet 13 Kilo Fett weniger, dazu (wie am Jahrmarkt) geben wir noch etwa 5 Liter Wasser weniger, dazu kommt ein sehr moderates Training dreimal pro Woche, das nochmals gering geschätzt 1000 Kalorien bringt, als weitere 52 000 Jahreskalorien oder 6 Kilo Fett weg, mit ca 2 Litern Wasser. Davon pessimistisch 20% Rückfallkilos dazugerechnet macht im Jahr einen Verlust von rund 20 Kilo!

Frau X: Grübel grübel und studier…

Porta: und was erst die werten Zuckerwerte dazu sagen werden…

Frau X: Probiermas.

Foto: © Privat

Univ.-Prof. Dr. Sepp Porta
Leiter des Instituts für angewandte Stressforschung

8410 Dillach, Johannisweg 13
E-Mail: stresscenter@outlook.de
Web: Externer Linkwww.csa-online.at




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