Logo der Aktiven Diabetiker Austria

Mittersteig 4/21, A 1050 Wien
Telefon & Fax: 01/587 68 94


Artikelanfang:

Gerhard Werner - Mein Zucker und ich...

Gerhard Felix WERNER, Typ-2 Diabetiker aus Wien, erzählt uns seine Geschichte.

Ich muss ein bisschen ausholen um einiges verständlicher zu machen. Bei meinem Vater wurde in den 1980er Jahren Diabetes festgestellt. Bei jedem Treffen hat er mir alles ausführlich erzählt, was er so bei diversen Schulungen
gelernt hat. Naja, man hört seinem Vater einfach zu. Ich dachte mir aber immer, dass mir das nicht passieren kann.
Diabetes, Herzinfarkt usw. bekommen nur die anderen, mir passiert sowas ja nie.

1994 brauchte ich für eine Freigabe zu einer Operation am Ohr die üblichen Untersuchungen, als auch einen Blutbefund. Bei der Abholung am nächsten Tag war ein Diabetikerausweis am Kuvert befestigt. Die Ordinationshilfe bat mich zu warten und verschwand mit meinem Befund in einem anderen Raum. Kurze Zeit später kam sie wieder und meinte, dass die Frau Doktor empfiehlt, dass ich sofort in ein Krankenhaus gehen sollte um meinen Zucker überprüfen zu lassen, schließlich wäre der mit 385 viel zu hoch. Wie immer nickte ich und ging. 2 Tage später hatte ich ja sowieso einen Termin im SMZ Ost wegen der OP.

Die Ärztin sah sich die Befunde an und war halbwegs zufrieden. Bis sie zum Blutbefund kam. Sie wurde ernst, sehr ernst, und meinte, dass ich mit solchen Zuckerwerten nicht operiert werden könnte. Sie schickte mich in die Diabetesambulanz. Da mir das SMZ Ost zu weit war, fuhr ich in die Rudolfstiftung, vor allem auch, weil mein Vater von Prof. Schernthaner so begeistert war. In der Rudolfstiftung wurde mir Blut abgenommen und ich durfte erstmal warten. Nach ca. 1 ½ Stunden ging die Türe auf, zwei Pfleger kamen mit einem Rollstuhl raus, setzen mich hinein und brachten mich in das Untersuchungszimmer. Die junge Ärztin teilte mir mit, dass ich sofort aufgenommen werde, da andere mit einem Zuckerwert von 465 ins Koma fallen würden. Also aufgenommen und ab ins Zimmer.
Ein 10tägiger Aufenthalt, Schulungen über mich ergehen lassen, dabei nichts Neues gelernt, hab ja alles schon vom Papa gehört, mit Medikamenten versorgt, wurde ich dann mit einem Zucker von 280 entlassen. Bei allen folgenden Kontrolluntersuchungen wurde mir immer der Kopf gewaschen, da sich meine Zuckerwerte immer so um die 300 bewegten – plus minus 50 – und ich nicht sonderlich besorgt wirkte, denn die o.a. Krankheiten kriegen ja die anderen. Mein Darm stand mit den Medikamenten auf Kriegsfuß. Bei fast jedem Huster, jedem Nieser oder einer Beuge nach vorne verließen übel riechende Winde meinen Körper. Sie rochen nach Verwesung, was mir stets unangenehm war.

Zirka 1 Jahr nach der Erstmanifestation – ich hoffe das heißt wirklich so – war wieder eine OP notwendig, diesmal am linken Fuß. Wieder die üblichen Voruntersuchungen. Zucker 411, wieder sofortige Aufnahme in der Rudolfstiftung. Nach drei Tagen Aufenthalt kam ein junger Arzt, zufällig ein ehemaliger Schulkollege von mir, ins Zimmer, blickte sehr ernst und meinte, dass er nicht wisse, wie er es mir beibringen sollte, dass man mich auf Insulinspritzen umstellen will. Er hielt eine aufgezogene Spritze in der Hand. Ich sagte nur, dass es kein Problem für mich sei, denn mein Herr Papa hat mich schon lang und breit darüber aufgeklärt, nahm ihm die Spritze aus der Hand, bildete eine Hautfalte am Bauch, Nadel rein und langsam gespritzt. Das ernste Gesicht meines Schulkollegen
wurde von einem breiten Lächeln abgelöst. Er wurde sofort mein behandelnder Arzt – auch in der Diabetesambulanz. Nach 2 Wochen, mehreren mich ermüdenden Schulungen, ich wusste ja schon alles von meinem Papa, wurde ich entlassen.

Bei jedem Besuch in der Ambulanz wurde ich gerügt, weil ich meine Essgewohnheiten nicht geändert hatte, weiterhin viel zu viel aß und Unmengen trank (2-4 Liter Coca Cola am Tag, mind. 1 ½ Liter Kaffee pro Tag) und 40-80 starke Zigaretten rauchte.

2000 wechselte ich in die Diabetesambulanz im SMZ Ost, da ich die ewigen Vorwürfe in der Diabetesambulanz der Rudolfstiftung satt hatte. Ich mag ja nicht, wenn ich etwas machen muss, schon gar nicht aufs Essen verzichten. Ich wurde auf FIT umgestellt und musste somit die Essabstände nicht mehr so penibel einhalten, was bei meinen Job, IT Systemmanager, nicht ganz so einfach war. Ich konnte also essen wann ich will. Nur die Menge hätte ich halt reduzieren müssen. Mit dem Insulin nahm ich mit der Zeit mehr und mehr zu, war aber nicht besorgt, da mir essen wichtig war.

2001 war ein Schicksalsjahr für mich. Ich hatte am rechten Fuß einen diabetischen Ulcus und hätte in laut dem operierenden Chirurgen nicht überlebt, wenn ich auch nur einen Tag später gekommen wäre. Eine Zeitlang habe ich mich daran gehalten weniger zu essen und weniger Kaffee zu trinken. Nur mit mehr Bewegung stand ich noch auf Kriegsfuß.

2002 folgte ein weiterer Ulcus, diesmal am linken Fuß. Wieder bekam ich für meinen Diabetes eine andere, seeehr strenge Ärztin. Aber ich war ja vernünftiger geworden ;-) und tat meist was man mir „empfohlen“ hatte. Nur mein Körpergewicht wollte einfach nicht runter und stieg langsam aber stetig an. Meine HbA1c war so um die 8-10. Naja, wie begeistert meine Frau Doktor war, kann man sich ja vorstellen.

2004 hatte ich einen Herzinfarkt. Naja, eigentlich meinen zweiten, denn den ersten habe ich ca. ein Jahr vorher übergangen. Nach 5 Stents und Unmengen an Belehrungen, dass ich mein Körpergewicht von 140 kg unbedingt reduzieren und mit dem Rauchen aufhören müsste, durfte ich endlich nach Hause. Ich war genervt, weil ich es hasse, wenn mir jemand sagt, dass ich auf so viel „Gutes“ verzichten muss. Ich stand sofort unter strenger Beobachtung und drei Wochen später kam ich auf Reha nach Bad Schallerbach. Schon beim Aufnahmegespräch wieder die übliche „Leier“: Aufhören zu rauchen, Gewicht reduzieren, Kaffeekonsum einschränken und, oh Graus, mehr Bewegung. Das Rauchen war schon Geschichte. Ich habe zwei Tage vor dem Herzinfarkt und der Aufnahme im Spital meine letzte Zigarette geraucht, da sie mir nicht schmeckte und es mir nicht gut ging. Ich dachte damals nicht an einen Herzinfarkt. In Bad Schallerbach reduzierte ich mein Gewicht von 141 kg auf 134 kg. Die Diätassistentin wuchs beim letzten Abwiegen um einen halben Meter, so stolz war sie auf mich. Mein HbA1c war auf 7,3 gesunken.

Ich durfte nun jedes Jahr nach Bad Schallerbach auf Reha fahren und 2007 hatte ich schon 8 Stents, davon einen Stent im Stent. Und ich wog so um die 150 kg. Bei einem Termin in der Diabetesambulanz sagte mein behandelnder Arzt, nachdem er sich die Befunde aus Bad Schallerbach durchgelesen hatte, dass ich schnell etwas ändern sollte, sonst würde ich meinen 50. Geburtstag nicht mehr erleben. Ich soll, nicht ich muss. Im August fragte er, ob ich einer Insulinpumpe zustimmen würde, allerdings müsste ich dazu in ein anderes Krankenhaus, da im SMZ Ost nur in der Kinderabteilung die Pumpe „installiert“ würde. Ich konnte ihn überreden, dass wir das gemeinsam machen, auch wenn ich für ihn ein Versuchskaninchen wäre. Von da an ging es mit dem HbA1c langsam abwärts.

Wie es der Zufall es so wollte, fragte mich meine ältere Tochter, ob ich mit ihr im LK Klosterneuburg eine Magenbypass-OP zur selben Zeit wie sie machen lassen wollte. Sie machte den Termin für das Erstgespräch aus. Leider wollte man mich in Klosterneuburg wegen meiner Herzprobleme nicht operieren und verwies mich ins AKH. Beim Erstgespräch wog ich schon 180 kg. Ein halbes Jahr musste ich einen Magenballon ertragen, nahm aber 22 kg ab, senkte den HbA1c von 10 auf 8. Dann wurde der Ballon entfernt, ich nahm 12 kg zu, da der Magen weit gedehnt war, aß mehr, spritze mehr Insulin und der HbA1c stieg wieder auf 11.

Bis heute habe ich mein Körpergewicht auf 90 kg reduziert, wobei ich erst seit Feber 2016 ein UHu (Unter Hundert) bin.
Mit jedem 5-kg-Sprung sank mit dem Gewicht der HbA1c und das Lächeln meines Internisten wurde breiter. Er war früher mein Arzt in der Diabetesambulanz im SMZ Ost. Er ist jetzt in einer Ordinationsgemeinschaft und da das Vertrauen zwischen uns sehr groß ist, bin ich bei ihm geblieben, schließlich hat er mir das Leben gerettet.

Mein Gewicht schwankt zwischen 92 und 90 kg, der HbA1c zwischen 5,8 und 6,4. Lediglich im Februar 2015 war mein HbA1c auf 6,6 gestiegen, da ich zu Weihnachten einiges an Süßigkeiten und Keksen vernichtet hatte. Ich kann behaupten, dass es mir hervorragend geht, wenn ich nicht noch vor vier Jahren die Epilepsie bekommen hätte. Dank Gewichtsreduktion, senken des Blutzuckers (Wochendurchschnitt zwischen rund 90 und 110), einschränken des Kaffeekonsums von 1 ½ Liter täglich auf 2-3 Liter jährlich und des Verzichtes aufs Rauchen seit April 2004, geht es mir derzeit gut. Weiters gehe ich so viel wie möglich zu Fuß. Nur Urlaubsfahrten oder Großeinkäufe erledigen wir mit dem Auto. Wir, weil ich, seit ich an der Epilepsie erkrankte, kein Kraftfahrzeug mehr lenken darf.

Abschließend kann ich jedem nur empfehlen, dass er die Risikofaktoren, wie Übergewicht, rauchen, zu hoher Kaffeegenuss, wenig Bewegung usw. so bald als möglich vermeidet, am besten noch
bevor die Folgeerkrankungen sein Leben einschränken. Ich hab’s zu spät kapiert. Nur ein Wort: „soll“ statt „muss“ hat mich zur Vernunft gebracht.

„Hört auf eure Ärzte, nehmt die Anweisungen ernst und haltet euch daran, lasst euch auch regelmäßig untersuchen und den HbA1c feststellen, dann geht’s euch besser als so einem Besserwisser wie mir. Denn auch dich können all die Krankheiten, von denen ich annahm, dass sie nur andere treffen, heimsuchen.“

Viel Glück mit oder ohne Diabetes wünscht euch

Gerhard Felix Werner





zurück zur Übersicht


ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 31.10.2016 - 19:35 Uhr

Quelle: www.aktive-diabetiker.at © ADA - Aktive Diabetiker Austria - Mittersteig 4/21, A 1050 Wien