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Diabetes und Demenz

Das Risiko für die Entwicklung einer Demenz ist bei Diabetikern etwa doppelt so hoch wie bei gesunden Menschen. Lesen Sie hier, warum das so ist, wie man erste Anzeichen erkennt und welche Anpassungen der Diabetes-Therapie erforderlich sind.

Als Frau Huber zur Sprechstunde in die Ordination kommt, gibt es gute Nachrichten: der HbA1c (Langzeitzucker) ist diesmal deutlich besser geworden und die etwas übergewichtige Patientin hat offenbar auch 3kg Gewicht reduziert. Allerdings ist sie selbst von dem guten HbA1c und der Gewichtsreduktion überrascht, denn eigentlich wurde der “Lebensstil” nicht besonders intensiviert. Im Gegenteil – die Tochter meint bemerkt zu haben, dass ihre Mutter in letzter Zeit Insulininjektionen vergessen haben könnte.

Woran erkennt man erste Anzeichen?

Als Frau Huber einmal ihr Messgerät vermisst, findet man dieses erst nach längerem Suchen im Kühlschrank! Wie es dorthin kam, ist völlig unklar. Die Patientin hält ihre Utensilien für das Diabetesmanagement üblicherweise sehr ordentlich beisammen. Zudem berichtet die Tochter, dass Frau Huber in letzter Zeit immer häufiger verwirrt sei und über Schwindel klage. Man habe daraufhin öfter den Blutzucker gemessen und BZ-Werte unter 70 mg/dl gemessen. Einmal habe sie ihre Mutter sogar schweißüberströmt im Garten vorgefunden, der BZ-Wert betrug damals nur 52 mg/dl und erst nach Gabe eines zuckerhaltigen Getränkes hätte sich die Patientin langsam erholt.

Außerdem sei Frau Huber in letzter Zeit auffallend vergesslich. Auch den heutigen Termin beim Arzt hätte sie wahrscheinlich vergessen, denn als die Tochter sie daheim abholen wollte, sei ihre Mutter über den geplanten Arztbesuch verwundert und gar nicht vorbereitet gewesen.
Am Ende des Gesprächs überweist der Hausarzt die Patientin an einen Neurologen und äußert den Verdacht auf das Vorliegen einer beginnenden demenziellen Erkrankung.

Diabetes-Management vereinfachen!

Die bisherige Insulintherapie wird von einem komplexen Schema (mehrmalige Insulininjektionen täglich) auf ein einfacheres Regime mit zweimaliger Insulinapplikation bei gleichzeitiger Reduktion der Insulindosis geändert. Mit Einverständnis der Patientin soll deren Tochter bzw. weitere Familienmitglieder in das Verabreichen der Insulininjektionen und die BZ-Selbstkontrollen einbezogen werden. Mobile Dienste möchte Frau Huber zunächst nicht ins Haus lassen, jedoch werden weitere kurzfristige Kontrollen in der Ordination vereinbart.

Die Ursachen einer Demenz liegen einerseits an einer chronischen Schädigung der hirnversorgenden Blutgefäße und andererseits an der durch Ablagerung von Eiweißkomplexen (Amyloid) im Gehirn bedingten Insulinresistenz. Zu hoher Blutdruck sowie eine Fehlregulation des Insulin- und Zuckerstoffwechsels im Gehirn führen zum Absterben von Gehirnzellen. Vorbeugend können hingegen körperliche Aktivität, mediterrane Kost und eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D und Folsäure wirken. Höhere Bildung und geistige Betätigung (“mental jogging”) verringern das Risiko einer Demenz ebenso wie das Pflegen sozialer Kontakte (z.B. im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeiten). Für die Diagnosestellung stehen bildgebende Verfahren sowie verschiedene Testverfahren (Geldzähltest, Uhrentest, MMSE usw.) zur Verfügung.

Das Risiko für die Entwicklung einer Demenz ist bei Diabetes etwa verdoppelt. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Höhe des HbA1c und dem Risiko einer Demenz. Auch bei Nichtdiabetikern mit hochnormalen Blutzuckerwerten ist das Demenzrisiko erhöht. Vor allem die Fähigkeit, komplexe Handlungen zu organisieren und auszuführen ist beeinträchtigt. Dies kann nicht zuletzt bei Diabetikern mit einer Insulintherapie aber auch bei Einnahme mehrerer Medikamente zu unterschiedlichen Zeitpunkten problematisch sein (siehe das Beispiel von Frau Huber mit Unterzuckerungen und im Gegensatz dazu vergessenen Insulinapplikationen).

Das Vorliegen einer Demenz verkürzt die verbleibende Lebenserwartung. Daher muss bei der Behandlung nunmehr besonders auf Lebensqualität und Therapiesicherheit fokussiert werden. Nicht mehr das Verhindern von Spätkomplikationen steht im Vordergrund, oberstes Ziel ist die strikte Vermeidung von Unterzuckerungen! Zu Beginn einer dementiellen Erkrankung wird häufig ein Appetitverlust sowie der Verlust des Geruchsinns beobachtet. Dies könnte die Vorliebe der Betroffenen für süße Speisen erklären. Der Geschmack von Speisen wird nämlich nur mehr über die gustatorischen Qualitäten süß, sauer, salzig und umami erfahren.

Abgesehen vom Appetitverlust kann die ebenfalls früh zu beobachtende Gewichtsabnahme auch mit einem gesteigerten Bewegungsdrang (“wandering”) erklärt werden. Hatte man sich als Diabetikerin ein halbes Leben lang an mehr oder weniger strenge Ernährungsempfehlungen halten müssen, tritt nun bei Demenz die Vermeidung des Gewichtsverlustes in den Vordergrund! Im Endstadium einer Demenz treten Schluckstörungen (neurogen – durch Schädigung des Gehirns) und nachfolgende Fieberschübe durch Lungenentzündungen auf. Logopädische Übungen und Andicken von Flüssigkeiten sowie Speisen in cremiger und keinesfalls bröseliger Form sind in dieser späten Phase unverzichtbar. Wie bereits erwähnt ist bei dementen Menschen das Hungergefühl und der Appetit früh reduziert. Das Legen von perkutanen Sonden (Ernährungssonden) muss daher sehr kritisch geprüft werden.
Der Verzicht auf eine künstliche Ernährung im Endstadium einer Demenz gilt aus medizinrechtlicher Sicht nicht als unterlassene Hilfeleistung, wenn die Entscheidung nach sorgfältigem Abwägen der mutmaßlichen Wünsche des Patienten getroffen und dokumentiert wurde. Daher ist die Regelung einer möglichen künstlichen Ernährung durch eine Patientenverfügung möglichst rechtzeitig empfehlenswert.

Bei Frau Huber wurde die Diagnose der Demenz bestätigt. Vorübergehend wurde bei ihr auch eine begleitende Depression mit Psychopharmaka behandelt. Vor allem immer wieder aufgetretenen Phasen von Aggression, Wahnvorstellungen und deutlicher Unruhe konnte damit wirksam begegnet werden. Das Erlernen verschiedener Validationstechniken durch die Angehörigen hat den Umgang mit der Patientin in solchen schwierigen Phasen zusätzlich erleichtert. Da die dementielle Entwicklung bereits relativ rasch aufgefallen war und die Diagnose früh gestellt werden konnte, wurden die Wünsche der Patientin hinsichtlich einer möglicherweise geplanten künstlichen Ernährung in einer Patientenverfügung genau festgehalten und dokumentiert.

Foto: © Privat

OA Dr. Wolfgang Waldschütz
Wiener Gebietskrankenkasse, Gesundheitszentrum Wien Süd, Diabetes und Stoffwechselambulanz

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