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Und irgendwann bleib i dann dort, ...

Ja, wer kennt sie nicht, diese Zeile, getextet von der steirischen Pop Gruppe STS?

Irgendwann bleibe ich in Griechenland – Sommer, Sonne, griechischer Wein, Schafkäse, herrliche Strände und heißer Sand – eine Idylle.

Eine Idylle?

Eine kleine Insel in der Ägäis, Kykladen, 4.000 Einwohner, flächenmäßig so groß wie unser wunderschönes Burgenland.

Im Zuge meines Aufenthaltes wurde ich gebeten, man wusste über meine ärztliche Tätigkeit bescheid, einen Mann mit Fußproblemen zu besuchen und mir die Füße einmal anzuschauen.

Papu, der Großvater

Papu – frei übersetzt, der Großvater, 87 Jahre alt. Sein Berufsleben hat er im Bergwerk verbracht, tagaus, tagein, eine harte Arbeit, bei zeitweise unmenschlichen Bedingungen.
Unter Tag, Staub, sehr feiner Staub, der zu einer extremen Belastung der Atemwege, der Lunge geführt hat.
Verheiratet, Kinder, 6 Stück an der Zahl, alle rechtschaffend und fleißig. Eine Tochter wohnt nun mit dem Großvater in einem einfachen Haus und betreut ihn, so gut es geht. Das Geld ist knapp, aber alle helfen zusammen.
Typ-2-Diabetes hat er und entsprechend seines Alters, auch die Komplikationen, eine davon – der diabetische Fuß.

Eine Insel, eine Basisversorgung, ein Arzt, der ALLES können sollte – das ist eine unmenschliche Forderung und Anforderung – mehr gibt es hier nicht.

Der Arzt ist im Einsatz, rund um die Uhr, konfrontiert mit allen Erkrankungen, von ALPHA bis OMEGA, von A bis Z.

Und nun sitzt ein 87 jähriger Mann vor mir, mit Schmerzen in beiden Beinen und Füßen.
Ja, er nimmt ein Zuckermedikament, so die Antwort auf meine Frage, aber nicht so regelmäßig, wie ich heraushöre.
Ja, der Zucker wird gemessen, unregelmäßig, stellt sich dann heraus.
Gibt es eine Betreuung, eine Schulung, Aufklärung, Kontrolle – NEIN.

Eine chronische Erkrankung fordert eine „chronische“ Betreuung. Eine chronische Erkrankung erfordert ein Umdenken in der Therapie. Die Betroffenen haben eine höhere Lebenserwartung und erleben somit auch die Komplikationen.
Speziell und allgemein bei der Zuckerkrankheit.

Basisversorgung, sonst nichts!

Also, auf der idyllischen Insel gibt es eine Basisversorgung – Punkt – und dann?

Weitere Fragen erübrigen sich – nun ist man selbst gefordert.
Die Untersuchung bestätigt den Erfahrungsschatz. Es zeigt sich das typische Bild des diabetischen Fußsyndroms.

Klassisch, denke ich mir – die Neuropathie, die Schädigung der Nerven, charakterisiert durch trockene, rissige Haut, Ernährungsstörungen der Zehennägel, im klinischen Bild einer Pilzerkrankung der Zehennägel, in diesem Fall ein Bild der Neuropathie.
Vermehrte Schwielenbildung an den Belastungszonen der Fußsohle. Zusätzlich zeigt sich eine Durchblutungsstörung an beiden Füssen.

Eigentlich ein Lehrbeispiel, geeignet jungen, motivierten Medizinstudenten den diabetischen Fuß zu zeigen und zu lehren.

Untersuchungen wie bei uns, gibt es nicht. Seien es Gefäßuntersuchungen, oder Untersuchungen der peripheren Nerven, sie werden zwar in den großen Städten angeboten – nur auf privater Basis, gegen Barzahlung. Die Fähre nach Athen, 4 – 5 Stunden Fahrzeit, in den Wintermonaten fährt sie einmal pro Woche, wenn sie fährt.

Untersuchungen meist nur in Städten, gegen Barzahlung!

Ja, ein Röntgen könne man schon machen und eine Blutabnahme.

Schuhwerk – orthopädische Schuhe, NEIN. Bei uns würde man sein Schuhwerk als Plastikschlapfen bezeichnen, also völlig ungeeignet.

Man spürt das Gefühl der aufsteigenden Resignation. Wo fängt man an …?

Wir leben auch auf einer Insel, zu Hause, aber auf einer Insel der Seligen.

Hier ist es an der Zeit, nachzudenken.

All das, was wir für Selbstverständlich nehmen, verdanken wir unserem Gesundheitssystem, unserem Staat und engagierten Menschen der unterschiedlichsten Berufsgruppen.

Diabetes mellitus hat bei uns den Schrecken der Diagnose längst abgelegt. Wir wissen, dass, vorausgesetzt es liegt auch die Bereitschaft des Betroffenen vor, eine überdurchschnittlich hervorragende Betreuung vorhanden ist.
Es würde jetzt zu weit führen, alle Möglichkeiten, die uns gegeben sind, aufzuzählen. Und trotz aller Gegebenheiten wird weitergearbeitet – Fachgesellschaften, Politik, Wirtschaft, Selbsthilfegruppen und viele andere mehr – arbeiten daran, das Betreuungssystem weiter zu verbessern.

Beruhigend, oder?
Aber, zwei bis drei Flugstunden fern der Heimat, im Haus des Papu, ist alles ganz anders.

Zurück zum Anfang, an die Wurzeln der Therapie, der Betreuung.
Erklären, Aufklären, Reden … und Dankbarkeit für jedes Wort, für jeden Handgriff.

Mittlerweile ist es gemeinsam gelungen, den Zustand „unseres Großvaters“ zu stabilisieren. Wir, mein treuer Begleiter Emil, mein Dackel und ich, sind gern gesehene Gäste.
Es hat sich gegenseitiges Vertrauen und Respekt gebildet. Mit Orangen und Zitronen wird die Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht und diese Früchte schmecken wahrlich wunderbar.
Ob sich auf der kleinen Insel etwas ändern wird – ich weiß es nicht.

Die kleine Insel in den Kykladen – ein Reisebericht der anderen Art.

Foto: © Privat

Dr. Adalbert Strasser
Gefäßchirurgie, Gastroenterologie und Hepatologie, WundMED

1120 Wien, Hetzendorferstrasse 53-54

Web: Externer Linkwww.wundmed.com
E-Mail: Adalbert.strasser@aon.at
Telefon: 01/ 80 47 022




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