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Insulin – Anabolikum für Muskelprotze?

Kraftsport und Insulin, eines der am stärksten wirkenden anabolen Hormone, lassen auf muskelgestählte Typ-1-Diabetiker hoffen.

Herr Kassin, der ADA Chefredakteur will wissen, ob Typ-1-Diabetiker, die insulinpflichtig sind, vom Insulinspritzen den Vorteil hätten, dass sich ihre Muskeln leichter aufbauen ließen und so, grob gesprochen, in jedem Typ-1-Diabetiker ein verborgener Schwarzenegger stecke.

Ein recht artiger Versuch, aus einer so genannten Krankheitssituation noch Kapital zu schlagen. Ich denke nach und erinnere mich etwa an den Kulturhistoriker Egon Fridell, der genau solchen Situationen ein unheimliches Entwicklungspotential zuspricht, also: „Per aspera ad astra“ oder frei übersetzt „Mühevoll zu den Sternen gegriffen!“

Meine Antwort ist deshalb kein verächtliches Lachen, kein kategorisches „Nein“, sondern das sattsam bekannte „Jein“ des Wissenschaftlers. „Jein“ soll hier heißen: Unter gewissen Voraussetzungen geht es tatsächlich, Herr Kassin ist also kein Wolkenkuckucksheimbewohner.

Ein bissl Erklärung ist hierzu allerdings wohl nötig:

Insulin ist eines der stärksten, so genannten anabolen Hormone (riecht doch schon nach Anabolika, nicht?), das heißt, dass es die Aufnahme der Eiweißbausteine Aminosäuren in den Muskel fördert. Das erklärt auch, warum der kräftigste Reiz zur Insulinausschüttung ein Gemisch von Zucker und Aminosäuren ist, bei gewissen Tieren funktioniert es sogar ausschließlich mit Aminosäuren. Allerdings müssen dazu genügend davon im Blut vorhanden sein, bevorzugt kurzkettige, unverzweigte Aminosäuren, man nennt sie BCAA, die leicht in die Muskelzelle flutschen.

Ohne Sport geht nichts!

Darüber hinaus aber – und jetzt wird’s kritisch – ist es auch notwendig, Sport, am besten den für Diabetiker lange Zeit links liegen gelassenen Kraftsport zu betreiben. Beim Kraftsport werden nämlich genau die Muskelfasern (so genannte Typ2 Fasern) vermehrt, die Muskelvolumen aufbauen. Das ist spätestens dann nötig, wenn durch Muskelaktivität Zucker verbraucht wird. Der einfache Schluss daraus: größerer Muskel frisst mehr Zucker. Bei einer diabetischen Läuferin hatten wir zu Beispiel nach nur 3200m joggen einen Zuckerabfall von etwa 270mg/dl auf 93 mg/dl gemessen.

Erstaunlich. Ohne Sport baut Insulin leider eher Fett auf. Energie einlagern, denkt es sich, muss ich auf jeden Fall, wenn schon nicht Aminosäuren in den Muskel, dann mehr Fett aus Zucker. Dabei wird durch Insulin natürlich auch Speicherzucker im Muskel gebildet und pro Gramm Speicherzucker zusätzlich 2,7 Gramm Wasser aufgenommen, was Muskeln schön fest und prall, aber nicht aufgeschwemmt macht.
Ohne Sport, so sagten wir schon, funktioniert aber der erhoffte, insulinbedingte Muskelaufbau nicht, weil noch eine Komponente dazukommt. Um erfolgreich die Eiweißbestandteile in den Muskel einschleusen zu können, müssen die Muskeln zur vollen Insulinwirkung gut durchblutet sein. Die geschwollenen Muskelpakete nach dem Krafttraining zum Beispiel, sind vorwiegend auf Blutfülle zurückzuführen.

Nach dem Training: rote Fruchtsäfte

Je mehr man sich andererseits anstrengt, desto mehr so genannte „Freie Radikale“ werden gebildet. Die braucht man, in Maßen produziert, dringend zur Zellatmung. Wenn es aber zu viel wird und diese Radikale(n) die Gefängniswand der Zellorgane sprengen, können sie Arteriosklerose und DNA Schäden hervorrufen. Deshalb ist es nicht schlecht, nach dem Training Antioxidantien, wie etwa rote Fruchtsäfte, z. B. Holundersaft, zu sich zu nehmen.
Eine nicht allzu große Menge dieser freien Radikale erweitert sogar die Gefäße, was wiederum der Insulinwirkung zur Muskelvergrößerung hilft. Muskelaufbau sieht man schön daran, dass auch nach Trainingsende der Blutzucker längere Zeit abfällt, der Muskel schlürft ihn noch ein, um die verbrauchte Energie auszugleichen und darüber hinaus noch Zukunftsreserven anzulegen. Eine sehr erfreuliche Reaktion.

Einen wichtigen Effekt haben wir noch vergessen:
Mit zunehmendem Alter werden auch die Muskeln von nicht – Diabetikern weniger empfindlich auf Insulin, Testosteron und Wachstumshormon, alles Substanzen die zur Muskelvergrößerung führen, die aber im Alter abnehmen. Sport hilft nicht nur die Muskeln sensibel zu erhalten, sondern erhöht auch die Spiegel dieser anabolen Hormone, ein positiver Kreislauf.

Es gilt also: Im Alter nimmt die Muskelmasse ab, die Muskeln werden auf Hormonwirkungen unsensibler und zusätzlich nimmt leider auch die Hormonproduktion ab. Durch Training kann man diesen Prozess stark verlangsamen, ja, bei etwas vernachlässigten Muskeln stellt sich ein deutlicher
Verjüngungseffekt ein, der durch die Insulingaben bei Typ-1-Diabetikern sicher nicht behindert wird.

Krafttraining für Typ-1-Diabetiker (neben dem durchaus empfehlenswerten Ausdauertraining) ist daher die Methode der Wahl, die Anabolikakomponente könnte durchaus mit ihren Insulinspritzen abgedeckt werden, aber: Diabetiker brauchen meist Elektrolyte (Zuckerspitzen führen zur Ausschwemmung) besonders Magnesium. Davon haben die meisten Diabetiker zu wenig und zusätzlich zur Verhinderung des Fettaufbaues und zur Förderung der Muskelmasse Aminosäuren, besonders kurzkettige. Training, Insulin, Elektrolyte und Aminosäuren – kann tatsächlich verjüngend wirken.

Obendrein höre ich aus dem Wald der Pharmaindustrie rufen, dass Nahrungsergänzungsmittel in Vorbereitung sind, zwar für Sportler gedacht, aber sehr gut zu unserem Anforderungsprofil passend. Wir brauchen diesbezüglich nichts zu tun, ich bin guten Mutes, dass sich die Industrie bei uns melden wird, wenn sie (ich rechne mit ein paar Monaten) solche Mittel zur Verfügung hat.

Foto: © Privat

Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c. Sepp Porta
Leiter des Instituts für angewandte Stressforschung

8410 Dillach, Johannisweg 13
E-Mail: stresscenter@outlook.de
Web: Externer Linkwww.csa-online.at




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ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 29.10.2017 - 13:30 Uhr

Quelle: www.aktive-diabetiker.at © ADA - Aktive Diabetiker Austria - Mittersteig 4/21, A 1050 Wien