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Der Zauber der Bewegung

Gehen und Radfahren sind die unmittelbarsten Formen der Bewegung, ohne Vermittlung, in direkter Berührung mit der Umwelt, in menschgemäßem Tempo und mit ungefilterter Wahrnehmung.

Gehen und Radfahren verändern die Wahrnehmung gemächlich, und das ist auch gut so. Auch unserem Körper tut dies gut. Puls und Blutdruck werden besser, Geist und Horizont weiten sich. Und wenn einem Ärger überkommt, hilft eine Radtour oder ein Fußmarsch. So ergeht es mir zumindest.
Vor allem durch den regelmäßigen Fußmarsch erhält man eine Distanz zum täglichen Ärger (mit Verwandten, Kollegen usw.) und erhält mitunter gute Kontakte zu Natur und Menschen, Kontakte, die höchst spannend sein können.

Gehen macht neugierig

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit der Fußreise und mit der Entdeckung. Denn das Gehen macht neugierig.
Ich lerne viel beim Gehen, überhaupt wenn ich alleine zum Beispiel durch Wien ziehe. Will man sich beim Gehen allerdings unterhalten und nicht bloß Neues entdecken, so ist es vielleicht ratsam, einen Freund oder eine Freundin zur Seite zu haben. Wenn jedoch jemand eine Stadt oder eine Gegend erkunden will, so soll er alleine gehen.

Ich rate daher auch meinen Studentinnen und Studenten, alleine mit offenen Augen und Herzen durch ganz Wien zu spazieren, um zu sehen, wo die Wiener wohnen, welche Gegenden sie vorziehen, wie sie ihre Häuser gestalten, welche Geschäfte sie aufsuchen und vieles mehr. Die Gehenden erfahren auf intensive Weise viel über die Buntheit des Lebens, jedenfalls mehr als die Damen und Herren im Auto. Und sie sind auch gesünder, meine ich. Ich pflege regelmäßig – zu jeder Jahreszeit – vom 7. Bezirk aus zum Ring und diesen entlang an der Oper vorbei zum Donaukanal zu wandern. Ich überquere die Aspernbrücke und steige die Stufen zu der breiten Straße am Kanal hinunter. Hier herrscht an warmen Tagen reges Leben. Junge Leute spazieren, einige sitzen bei den Buden, trinken Bier oder einen Saft, andere üben sich an den Seitenwänden im Klettern und wieder andere lassen sich bloß von der Nachmittagssonne bescheinen.
Bei der Augartenbrücke gehe ich die Stiegen hinauf, wende meine Schritte zum Ringturm hin und gehe in Richtung Burgtheater, ich gelange zum Cafe Landtmann, vor dem der liebenswerte Herr Engelbert mich als Stammgast freudvoll begrüßt.
Hier raste ich und beobachte bei Tee freundliches Volk, das an mir vorbei zieht, zu Fuß oder auf dem Rad.

Der große Arzt Paracelsus ist berühmt geworden, weil er den Fußmarsch propagierte. Paracelsus war ein Vagabund, ein Vagant und er bezeichnete sich selbst als „Scholar in Gottes Weltenuniversität“. Er schreibt, dass der gute Arzt zu Fuß zu seinen Patienten gehen soll, er muss Hut und Schuhe abnützen. Das tut ihm gut, aber auch dem Patienten, der merkt, dass der Arzt, der viel geht, einen weiten Horizont hat und wie ein Philosoph denkt. Nicht umsonst waren die griechischen Philosophen zu Fuß unterwegs. Man nannte sie auch Peripatetiker (von peripatein – wandeln, umher ziehen).

Mensch und Kultur zu Fuß erkunden

Aber auch der gute Kulturwissenschaftler soll zu Fuß gehen, um Menschen und ihre Kulturen kennen zu lernen. Die wohl bemerkenswertesten Gedanken dazu stammen von dem Kulturanthropologen Bronislaw Malinowski um 1915 während seiner berühmten Studien bei den Trobriand Insulanern:

„Der Anthropologe (Soziologe) muss seine bequeme Position im Sessel auf der Veranda der Missions- oder Regierungsstation oder einer Plantage aufgeben… Er muss hinaus gehen (!!) in die Dörfer und den Menschen bei der Arbeit in den Gärten, am Strand und im Dschungel zusehen… Die Information muß aus dem vollen, direkt beobachteten Leben der Eingeborenen kommen… Die Anthropologie in freier Wildbahn… ist schwere Arbeit, aber sie macht auch Freude”.

Dasselbe sei auch jenen Leuten gesagt, die lieber zu Hause sitzen, als zu Fuß oder mit dem Fahrrad die kleine Welt, in der sie leben, erkunden.
Ich habe für meine Studenten die „10 Gebote der Feldforschung“ verfasst. Das 5. Gebot lautet: „Du sollst dir ein Bild von der Geographie der Plätze und Häuser machen, auf und in denen sich das Leben abspielt, das du erforschen willst. Gehe zu Fuß oder fahre mit dem Fahrrad die betreffende Gegend ab und steige auf einen Kirchturm oder radle auf einen Hügel“.

Ein gewisser Gottfried Seume, der sich 1801 in der Nähe von Leipzig zu einem „Spaziergang nach Syrakus“ aufgemacht hat, schrieb über den Fußmarsch etwas, das mir gefällt, denn es bezieht auf einen wirklich noblen Umgang mit freier Zeit. Ich erweitere seine Worte durch Hinweise auf das Radfahren. Ich bin überzeugt, auch Seume wäre mit dem Fahrrad gefahren, hätte es um 1800 bereits ein ordentliches Tourenrad gegeben.

Frei nach Seume meine ich: „Ich halte das Gehen und das Fahrradfahren für das Ehrenvollste und Selbständigste im Menschen und bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge und mit dem Fahrrad fahre“.

Der echte Fußgänger und Fahrradfahrer, ist voll der Neugier, er möchte wissen, was hinter den Hügeln und Häusern ist und sich auf Straßen und Plätzen abspielt. Raum und Zeit werden deutlich in einer Geschwindigkeit, die dem Menschen gemäß ist. Dies bedeutet Freiheit schlechthin.
Das ist gesund, macht frei und weise.

Literatur:
Roland Girtler, Der vagabundierende Kulturwissenschafter, Eine Radtour durch Österreich. Tschechien und Deutschland. Wien – Böhlau, 2014
Ders., Vom Fahrrad aus, Wien, Münster 2011

Foto: © Verlagsbüro Schwarzer

Univ.- Prof. Dr. Roland Girtler

1070 Wien, Kirchberggasse 24/6,

Telefon: 01 / 526 19 79
Mobil: 0664 / 582 41 31

E-Mail: roland.girtler@univie.ac.at




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