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Aber ich hab noch keinen Diabetes

Erst wenn der Nüchtern-Blutzucker über 126 mg/dl liegt, spricht man von Diabetes.

September 2016. In meiner Ordination ein Zettel: „Frau S.R. eingeschoben, kein Diabetes“. Kein Diabetes? Was möchte sie dann von mir? Bin ja neugierig.

Ich schaue in den Warteraum. Da! Das muss sie sein! Gleich beim Eingang steht eine Frau, ziemlich „massig“.
„Frau R.? Kommen Sie doch rein!“
Sie kommt in mein Sprechzimmer, ich sehe ihren schnellen Blick zum Sessel – diesen Blick kenne ich: „Ist der Sessel stabil? Oder…“
Sie beginnt zu erzählen: Vom Vater, der jahrelang Insulin spritzen sollte, das aber nur selten getan hat, von der Angst, die die ganze Familie um ihn hatte, wenn er dauernd aufs WC rannte und ganz erschöpft war, weil der Blutzucker so hoch war, vom Onkel, den niemand mehr besuchen wollte in seinen letzten Monaten, weils im Zimmer so gestunken hat „seine Füße wurden ganz schwarz…das war vor 35 Jahren, ich war ein Kind, heute ist das sicher ganz anders, aber…“ sie schluckt, noch heute kommen ihr die Tränen.

„Und warum kommen Sie heute zu mir?“ „Weil ich das sicher nicht erleben will! Weil ich Angst hab!“ Sie erschrickt selbst vor ihrer Heftigkeit. „Das kann ich gut verstehen, aber was ist denn genau los?“ Nun, sie geht einmal im Jahr zur Gesundenuntersuchung, ihre Blutzuckerwerte werden langsam höher, zuletzt 112mg%. Ihr Arzt hat gesagt, das mache gar nichts, sie ist beunruhigt.

„Sie wissen sicher schon, dass man von Diabetes erst spricht, wenn der Nüchtern-Blutzucker höher ist als 126.“ Richtig gesund sind Sie nur, wenn der Wert unter 100 liegt, Ihren Wert zwischen 100 und 126 nennt man „gestörter Nüchternzucker“. Das hat sie schon im Internet rausgefunden. Fein. „Und da ist es doch wahrscheinlich, dass ich DAS auch bekomme?!? Genau deshalb bin ich hier!“
Das finde ich großartig, und das sage ich ihr auch. Sie lächelt etwas schief: “Naja großartig. großartig wärs, wenn da nichts wäre…“ Sie war noch nie krank, nimmt nur Medikamente gegen hohen Blutdruck. Ihr Gewicht will sie nicht verraten: „BMI (Body Mass Index) 39 – das reicht doch?“ 39 – bei etwa 168 cm Größe hat sie ungefähr 110 kg.
„Wie lang sind Sie denn schon übergewichtig?“ „Naja, schlank war ich nie, so richtig zugenommen hab ich seit meinem 30. Geburtstag, im Job, der so irre stressig ist – davor waren es so um die 90 kg. Und in letzter Zeit – also ja, ich mach keine Diät, aber so schnell wie jetzt hab ich noch nie zugenommen!“

Wir vereinbaren, dass wir zunächst einmal mit einem Labortest abklären, was wirklich los ist. Dazu gehören Fett-, Schilddrüsenwerte, Cortisol usw. Und natürlich alles zur Beurteilung des Zucker-Stoffwechsels, C-Peptid, HOMA Index. Das C-Peptid wird mir zeigen, wie hoch ihr Insulinspeigel am Morgen der Blutabnahme ist, der HOMA Index ist ein Maß für die Insulin-Resistenz.
„Ja, das hab ich sicher. Meine Fettwerte steigen ja auch schon seit Jahren!“ Sie hat sich gut informiert, weiß, dass Insulinresistenz bedeutet, dass ihre Körperzellen nicht mehr gut auf Insulin „ansprechen“, und dass deshalb immer mehr Insulin im Blut sein muss, damit genug Zucker in die Zellen kommt. Und viel Insulin im Blut bedeutet: Gewichtszunahme!

Der Laborbefund bestätigt unseren Verdacht. C-Peptid hoch – sie hat also zu VIEL Insulin im Blut, ganz typisch, und auch der HOMA-Index bestätigt die Insulinresistenz. Alle anderen Werte sind ok, nur die Fettwerte leicht erhöht.

„Das Gute ist: das ist noch KEIN Diabetes. Es ist noch Zeit genug, dass Sie das aufhalten!“ „Aber wie? Ich hab schon so viele Diäten versucht!“ Ja, das ist nicht einfach. Sie hat noch keinen Diabetes, ich kann und darf ihr kein Medikament geben, dabei würden sich Metformin und Victoza anbieten, aber was solls – Medikamente gibts erst ab der Diagnose.
Bleibt also nur alles das, was man unter „Lifestyle“ zusammenfasst: weniger essen, vor allem weniger Kohlenhydrate, mehr Bewegung. Sie erzählt, wie sie isst: sehr, sehr „Kohlenhydratlastig“, also viel Brot, Nudeln! Sie weiß, dass sie sich mit warmen Nudelgerichten selbst beruhigt nach Stress in der Arbeit, alleine zuhause. Wir vereinbaren als erstes, dass sie versuchen wird, nur mehr einen Teller voll von ihren geliebten Nudeln mit Pesto zu essen, und sich dazu einen schönen großen Salat zu machen. Nach 4 Wochen ist sie wieder da, sie hat zwar 2 kg abgenommen, ist aber unglücklich: “Das ist so eine Schinderei! Ich passe so gut auf, aber es fällt SO schwer!“

Ich komme auf das „intermittierende Fasten“ zu sprechen. Erzähle ihr, was für einen positiven Einfluss es auf den Stoffwechsel hat, wenn man einmal eine Zeitlang gar nichts isst. „Sagen Sie nicht gleich: das kann ich nicht! Probieren Sie es! 3 Vorschläge: entweder Sie fasten zwei- bis dreimal pro Woche den ganzen Tag – oder Sie essen nur während ca. 8 Stunden am Tag, zum Beispiel abends! Oder: Sie ersetzten anfangs alle, dann 2 Mahlzeiten durch einen Eiweiß-Shake!“

Sie überlegt: „Also so ein Eiweiß-Saftl, das mag ich nicht. Frühstück bräuchte ich ja keins – aber es sagen doch immer alle, das das so wichtig ist?“„Nicht an Fastentagen. Sie möchten durch das Fasten bewirken, dass Sie weniger Insulin im Blut haben. Wenn kein Essen daherkommt, muss die Bauchspeicheldrüse nicht so viel Insulin ins Blut abgeben. Sie werden sehen, das hilft recht schnell, dass Sie weniger Hunger haben!“ Überzeugt ist sie nicht – widerspricht doch diese Idee vielem, was sie bei Abnehm-Gruppen gehört hat. Aber sie stimmt zu, es auszuprobieren, und wir vereinbaren, dass sie mir jede Woche einen Bericht schickt per Mail.

Eine Woche später: kein Mail. Schlauerweise hab ich mir von ihr die Erlaubnis geben lassen, dass ich mich von mir aus melden darf. Ich frage vorsichtig nach. Sie schreibt zurück, dass sie versucht hat, weniger zu essen „fdH“ UND Fastentage zu machen – und dass das nicht geklappt hat, dass sie enttäuscht ist von sich. Sie war zweimal in 10 Tagen
unterwegs, zu Fuß, 20 Minuten lang „aber nur Gehen wird ja nicht helfen“.

HA! Da haben wir gleich 2 Anhaltspunkte: „Wenn Sie fasten, sollten Sie dazwischen gut essen, und besonders gut auf genug Eiweiß achten! Und natürlich hilft Gehen – Sie machen das genau richtig – 20 Minuten sind fein, wenn Sie das anfangs jeden 2. Tag machen und später dann langsam steigern bis 5mal pro Woche 30 Minuten – dann haben Sie schon viel für Ihren Stoffwechsel getan!“ Sie schreibt zurück, dass sie erleichtert ist, weil ich nicht „schimpfe“.

Wir bleiben in Kontakt. Per Mail. Anfangs wöchentlich, dann alle 14 Tage. Es geht mal besser, mal schlechter, mal gar nicht. Langsam, langsam werden die Kilos weniger – nicht so schnell, wie sie es sich erträumt hat, nach 3 Monaten 5 kg und heute, nach 18 Monaten, 13 kg weniger. Sie trägt Kleider 2 Größen kleiner, fühlt sich jünger, macht ausgedehnte Spaziergänge – die gut nicht nur für Stoffwechsel und Kreislauf, sondern auch für die Seele sind.

Das Wichtigste: sie ist glücklicher, zuversichtlich, dass sie von der Diagnose Diabetes auf Dauer verschont bleibt. Ihren neuen Lebensstil wird sie beibehalten, da bin ich ganz sicher!
Sie wird sich ab jetzt nur mehr einmal alle 3 Monate melden, mir weiterhin ihre Laborwerte und das Gewicht schicken, und sofort wieder in die Ordination kommen, wenn sie zunimmt.

Ach ja, C-Peptid, HbA1c, Homa-Index, Nüchtern-Zucker: alles ganz normal!

Kommentar von Frau R., 20.3.2018:

„Ja, es war so wie Dr. Pusarnig es beschreibt. Das Wichtigste für mich war, dass da jemand nachfragt, sich dafür interessiert wie es mir geht. Ich habe schon immer auf die Mails gewartet. Ich hätte oft aufgegeben. Heute weiß ich: Weil ich mir immer viel zu schwere Ziele setze und dann schnell entmutigt bin, das ist typisch für Übergewichtige, meine ich.

Am meisten hat mich überrascht, wie gut mir das Gehen tut. Sport werde ich nie machen. Aber jetzt fahre ich manchmal, wenn das Wetter schön ist, etwas weiter weg, um einen schönen Weg zu haben für das Gehen. Ich fühle mich wirklich besser nachher. Insgesamt bin ich mehr als zufrieden! Mit mir vor allem.“

Foto: © Privat

Dr. Susanne Pusarnig
Ärztin für Allgemeinmedizin,
Schwerpunkt Diabetes mellitus, FQSD-zertifiziert, DMP-Ärztin, Wahlärztin

1130 Wien, Dommayergasse 2

Mobil: 0699 / 178 872 25
Telefon: 01 / 877 80 60 (für Terminvereinbarungen)

E-Mail: ordination@pusarnig.at
Web: Externer Linkwww.zuckertante.at




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