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Diabetes mellitus und Osteoporose

Diabetes und Osteoporose haben bei näherer Betrachtung mehr Gemeinsamkeiten als man im Allgemeinen annehmen möchte.

Ein Vortrag von Frau Doktor Maya Thun, 5. Medizinische Abteilung, Wilhelminenspital, bei ADA-Wien in den Räumen von Firma Roche am 13. Mai 2008.

Im Allgemeinen könnte man annehmen, dass sich diese zwei Erkrankungen, nämlich Osteoporose und Diabetes mellitus, grundlegend voneinander unterscheiden beziehungsweise kaum etwas miteinander zu tun haben. Aber man wird nach genauerer Betrachtung eines Besseren belehrt. Erforscht man beide Erkrankungen genauer, so entdeckt man viele Gemeinsamkeiten.

Das erste was mir, nachdem ich gefragt wurde einen Vortrag über diese Erkrankungen zu halten, ins Auge stach, ist einerseits die Gemeinsamkeit, dass die Osteoporose und der Diabetes mellitus stark unter der heimischen Bevölkerung verbreitet sind und andererseits, dass die Anzahl der betroffenen Personen in letzter Zeit und in weiterer Zukunft rasant zunimmt. So tragen diese beiden Erkrankungen nur zu Recht den Titel Volkserkrankung.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends ist der Diabetes mellitus auf dem Vormarsch.
Weltweit sind rund vier Prozent aller Menschen, in Österreich sogar mindestens sieben Prozent der Bevölkerung, vom Diabetes mellitus betroffen. Hochrechnungen zu Folge könnte sich die Anzahl der Diabetiker weltweit zwischen 1995 und 2025 verdoppeln. Mit etwa 90 Prozent haben die meisten Betroffenen einen Typ 2 Diabetes. Jede zwei Sekunden erkranken zwei Personen weltweit an Diabetes mellitus.

Genauso erschreckend ist die Situation auch bei der Osteoporose.
Etwa 600.000 bis 700.000 Menschen in Österreich leiden bereits an Osteoporose oder haben ein hohes Osteoporoserisiko. Zwei Drittel der Frauen über 80 Jahren sind davon betroffen. Aber nicht nur Frauen, auch Männer können daran leiden. Und es werden täglich mehr. Laut Statistik Austria wird es im Jahre 2020 in Österreich mehr als 2,2 Millionen Menschen geben, die älter als 60 Jahre sind. Bis 2035 werden es 2,7 bis 3 Millionen sein. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 35% bis 38%. EU weit wird sich der Anteil der über 60jährigen in den nächsten 50 Jahren verdoppeln, der Anteil der 85jährigen verdreifachen. Und damit steigt auch die Anzahl an Osteoporosepatienten. In Österreich gab es 1995 rund 520.000 Wirbelkörperfrakturen, bis zum Jahr 2050 wird diese Zahl ohne entsprechende Gegenmaßnahmen auf über 900.000 ansteigen.
Auch die Anzahl an Frauen die einen Oberschenkelhalsbruch erleiden, steigt Hochrechnungen zur Folge von 400.000 auf eine Million im Jahr 2050.

Somit werden diese beiden Erkrankungen in Zukunft deutlich an Bedeutung gewinnen und verdienen somit zu Recht gemeinsam die Bezeichnung „Volkserkrankung“.

Eine weitere Gemeinsamkeit dieser beiden Erkrankungen ist leider die Tatsache, dass die Patienten am Beginn beider Erkrankungen keinen Leidensdruck verspüren, begründet darauf, dass einerseits ein erhöhter Blutzucker keinen Schmerz verursacht und daher auch oft bei Patienten keine Beachtung findet, und im Fall der Osteoporose beeinträchtigt eine verminderte Knochendichte den Patienten anfänglich nur kaum, sie tut nicht weh und kommt erst dann zum Tragen, wenn man sich aufgrund der verminderten Knochenfestigkeit beruhend auf der Osteoporose etwas bricht.
Daher erfolgt die Diagnosestellung dieser beider Erkrankungen sehr spät beziehungsweise meist zu spät, nämlich erst dann wenn schon Komplikationen aufgetreten sind wie zum Beispiel im Falle der Osteoporose ein Oberschenkelbruch oder ein Wirbelkörperbruch und beim Diabetes mellitus ein Herzinfarkt, Schlaganfall, oder aber auch Nierenschäden.
Bis zur Diagnose und der damit verbundenen Therapie des Diabetes mellitus vergehen somit meist viele Jahre, in denen der Blutzucker meist zu hoch ist und dadurch bereits die ersten feinen Gefäße und Nerven geschädigt sind. Das Bedenkliche daran ist aber, dass oft, auch wenn schon die Spätschäden vorhanden sind, auf die Ursache dieser Schäden vergessen wird und lediglich Hauptaugenmerk auf die Behandlung der Komplikationen gerichtet wird. Das heißt ein Herzinfarkt wird therapiert, aber auf die optimale Einstellung des Blutzuckers wird vergessen oder aber eine Oberschenkelfraktur wird operativ fixiert und die Osteoporose wird nicht behandelt.

Lediglich circa 10% der Osteoporoseerkrankten erhalten eine suffiziente Therapie. Die restlichen Betroffenen bekommen entweder keine oder lediglich nur eine insuffiziente Therapie.

Augenmerk sollte auf Prävention gelegt werden

Ein anderer gemeinsamer Punkt des Diabetes und der Osteoporose sind die Kosten, die zu vermeiden wären, würde vermehrt auf die Prävention eingegangen werden. Denn die Therapie der Komplikationen, die diese beiden Erkrankungen verursachen, kosten viel Geld, um Vieles mehr als die Prävention.

Komplikationen und Spätschäden gibt es einige, nämlich Herzinfarkt, Schlaganfall und andere kardiovaskuläre Erkrankungen im Rahmen des Diabetes. Denn wie zum Beispiel die CODE 2 Studie aus Deutschland ergab, liegen die Gesamtkosten für Typ 2 Diabetiker in Deutschland höher als bislang angenommen. Im Jahr 1998 betrugen sie 16,1 Milliarden EURO. Die Kosten für Diabetes Medikation (Insulin, orale Antidiabetika) machen gerade sieben Prozent der Gesamtkosten aus.

Sobald ein Patient an den Spätfolgen des Diabetes erkrankt, vervierfachen sich die Ausgaben. Die Kosten und nicht zuletzt das Leid der Patienten könnten deutlich verringert werden, wenn die Therapie des Diabetes erheblich intensiviert und optimiert würde und die Prävention von Spätkomplikationen mehr Wertigkeit erlangen.

Ähnliches gilt im Falle der Osteoporose, auch diese Erkrankung mit ihren Komplikationen verursacht enorme Kosten.
Derzeit beträgt der finanzielle Aufwand der stationären Versorgung einer Schenkelhalsfraktur um die 12.000 EURO, dies ergibt bei 12.000 Frakturpatienten bereits jetzt Kosten von 144 Millionen EURO. Rechnet man dazu noch den poststationär anfallenden Aufwand, so verdreifacht sich dieser Betrag. Die im Jahr 2040 zu erwartenden 25.000 Schenkelhalsfrakturen in Österreich werden nach derzeitigen Berechnungen somit 900 Millionen EURO jährlich verschlingen. Die durch Wirbelkörperfrakturen bedingten Kosten für Schmerztherapien und Physiotherapien, Krankenstände, krankheitsbedingt verminderte Arbeitsleistung etc. sind kaum abschätzbar. Osteoporose wird durch den zunehmenden Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung daher zu einem der größten medizinischen Probleme der Zukunft.

Der Diabetes mellitus und die Osteoporose mit den damit verbundenen Komplikationen und Spätfolgen werden, wenn nichts dagegen unternommen wird, überproportional hohe Kosten im Gesundheitssystem verursachen.

Umso mehr sind wir daher als Ärzte gefordert diese beiden Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, die Patienten auf die Wichtigkeit der Prävention der Komplikationen hinzuweisen, optimal zu therapieren, um gemeinsam mit den Patienten Spätschäden und damit Kosten zu verhindern.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass in den letzten Jahren viele innovative Medikamente zur Behandlung dieser zwei Erkrankungen den Patienten zur Verfügung stehen.

Eines davon ist Januvia®, ein neues orales Antidiabetikum. Der Inhaltstoff ist Sitagliptin, ein Vertreter einer neuen Wirkstoffgruppe, den so genannten DPP-4 Inhibitoren. DPP-4 steht für Dipeptidyl Peptidase IV und ist ein Enzym, das benötigt wird um GLP-1 (Glucagon like Peptide-1) abzubauen. GLP-1 gehört zur Gruppe der Inkretine und wird nach Aufnahme von Kohlenhydraten aus dem Darm ausgeschüttet um die Insulinfreisetzung aus der Bauchspeicheldrüse zu regulieren. Bei Diabetikern wird weniger GLP-1 als bei Gesunden produziert. Sitagliptin hemmt dieses Enzym und verhindert dadurch den raschen Abbau von GLP-1.

Ein in Deutschland mit einer ähnlichen Wirkung schon zugelassenes Medikament mit dem Namen Byetta® soll noch in diesem Jahr in Österreich zur Verfügung stehen. Der Wirkstoff ist Exanatide und ähnelt in der Wirkung dem Darmhormon GLP-1. Byetta® ist aber keine Tablette zum Schlucken sondern wird mit einem Injektionspen subkutan (unter der Haut) zweimal pro Tag vor den Mahlzeiten (Frühstück und Abendessen) verabreicht. Es unterscheidet sich damit grundlegend von den herkömmlichen Antidiabetika.

Auch in der Osteoporose gibt es Medikamente die mittels Pen subkutan verabreicht werden und eine therapeutische Innovation darstellen.
Hier wären Forsteo® und Preotact® zu nennen. Forsteo® beinhaltet Teriparatid (rhPTH 1-34), eine rekombinante Form des humanen Parathormons (Knochenhormon). Zusammen mit Calcitonin und Vitamin D reguliert das Parathormon den Calciumspiegel des Körpers. Dieses neue Medikament Forsteo® führt im Gegensatz zu den bis jetzt als Goldstandard zählenden antiresorptiven (Knochenabbau hemmenden) Bisphosphonaten zu einer Vermehrung von Knochensubstanz. Teriparatid wirkt also osteoanabol (knochenaufbauend). Es stimuliert die Proliferation und Differenzierung der Osteoblasten und verbessert dadurch die Knochenfestigkeit. In einer randomisierten Doppelblindstudie mit 1637 Frauen mit einer postmenopausalen, fortgeschrittenen Osteoporose zeigte die Teriparatid Behandlung, dass das Trabekelvolumen gegenüber Placebo um 60 Prozent zunahm und die Häufigkeit mittelschwerer und schwerer Wirbelkörperfrakturen um 90 Prozent abnahm. Übrigens wird Forsteo® mit dem gleichen Pensystem wie Byetta® verabreicht.

Ein zweites Medikament dieser Wirkungsgruppe ist seit kurzem am österreichischen Markt zugelassen mit dem Namen Preotact®, diese Substanz entspricht dem menschlichen Parat Hormon und hat ähnlich gute Wirkung wie Forsteo®.
Beide Medikamente sind innovative therapeutische Strategien in der Behandlung der Osteoporose und lassen aufgrund der sehr positiven Studienergebnisse hoffen, dass die Osteoporose und die damit verbundenen Frakturen bald der Vergangenheit angehören werden.

Aber dass dieser Wunsch nicht nur Zukunftsmusik darstellt, sondern auch Realität wird, muss noch viel getan werden insbesondere muss mehr Augenmerk auf die Diagnose der Osteoporose gelegt werden, die Sturzprävention intensiviert und die Therapie kontrolliert und optimiert werden.
In diesem Bereich gleichen sich diese Erkrankungen wiederum. Auch beim Diabetes mellitus steht die frühzeitige Diagnose der Erkrankung, die Prävention von Komplikationen mit Hilfe einer Änderung des Lebensstils in Kombination mit medikamentöser Therapie im Vordergrund.
Beide Erkrankungen bedürfen daher einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient um eine hohe Lebensqualität und ein langes Leben zu erzielen.

Doktor Maya Thun

Vielen Dank für den informativen Vortrag und dessen Zusammenfassung!
Ingrid Cemper

Doktor Maya Thun
Schuhmeierplatz 17-18/6
1160 Wien

Telefon: 0676 4730374




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