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Diabetes und psychische Erkrankungen

Vortrag von Mag. Irene STARINGER, Klinische und Gesundheitspsychologin, am 11. Mai 09 im Hartmannspital / SHG Wien-Süd

Mag. Staringer

Diabetes mellitus (griech.: honigsüßer Durchfluss) ist eine chronische Stoffwechselerkrankung. Wird Diabetes diagnostiziert, heißt das für den betroffenen Menschen, dass er/sie mit der Erkrankung zurecht kommen muss, da es keine Heilung gibt (Heilung ist nur selten bei Typ 2 Diabetes möglich). Die heutige Diabetesdiagnostik orientiert sich an der Ätiologie (d.h. an den Entstehungsbedingungen) der Erkrankung und nicht mehr am Manifestationsalter oder an der Insulinbedürftigkeit. Typ 1 Diabetes ist aus heutiger Sicht eine genetisch determinierte Autoimmunerkrankung, bei der es zu einer Degeneration der B-Zell-Masse im Pankreas kommt. Diese führt zu Insulinmangel und hohen Glukosewerten im Blut. Lebenslange Insulininjektionen sind erforderlich. Beim Typ 2 Diabetes hingegen kommt es zu einer Insulinresistenz, d.h. das vorhandene Insulin verliert seine Wirksamkeit. Der Beginn ist meist schleichend, bleibt mitunter lange unentdeckt und hat somit ein hohes Risiko für Folgeerkrankungen. Die wesentlichen Risikofaktoren für die Entwicklung eines Typ 2 Diabetes sind Übergewicht, chronischer Schlafmangel, chronischer Stress und Bewegungsmangel.

Für die erfolgreiche Bewältigung einer Diabeteserkrankung benötigt der Patient folgende Voraussetzungen:

  • regelmäßige Kontrollen und Anpassung der medikamentösen Therapie durch den Facharzt für Innere Medizin
  • diabetesspezifisches Wissen
  • nachhaltige Lebensstilveränderungen (Ernährung, Gewicht, Bewegung, psychisches Wohlbefinden)
  • unterstützende soziale Kontakte in der Familie und im Freundes-/
    Bekanntenkreis
  • bestmögliches Selbstmanagement

Unter Selbstmanagement versteht man in diesem Zusammenhang die Fähigkeit und den Willen des Patienten aktiv und eigenverantwortlich an der Krankheitsbewältigung mitzuarbeiten. Selbstmanagement umfasst Bereiche wie beispielsweise Umsetzung der ärztlichen Empfehlungen, persönliche Einstellungen zum Diabetes, Selbstvertrauen, gute Selbstwahrnehmung, Motivation zur Selbstfürsorge, hilfreiche soziale Kontakte, gute Arzt- Patient-Beziehung, gute Compliance.
All diese Faktoren sind abhängig und beeinflusst von der psychischen Befindlichkeit des Patienten.

Betrachtet man die aktuelle Literatur zum Thema Diabetes fällt auf, dass es nur wenige wissenschaftliche Arbeiten über Diabetes und psychische Gesundheit gibt. Dabei ist festzuhalten, dass besonders für den Diabetiker psychische Gesundheit von zentraler Bedeutung ist, damit er das oben erwähnte Selbstmanagement möglichst gut durchführen kann. Grundsätzlich ist zu erwähnen, dass Diabetiker von allen Formen psychischer Erkrankungen betroffen sein können, wie die restliche Bevölkerung auch. Darüber hinaus gibt es drei Bereiche psychischer Störungen, die im Zusammenhang mit Diabetes vermehrt auftreten und ernste gesundheitlich sowie psychosoziale Probleme verursachen können:

  • Depressionen
  • Essstörungen
  • Angststörungen

Ad Depressionen:

Man geht davon aus, dass etwa 30% der Patienten mit Typ1 Diabetes vor der Erkrankung depressive Symptome aufweisen, und dass ebenso viele der Typ 2 Patienten eine reaktive Depression entwickeln. Die Hauptsymptome der Depression sind neben deprimierter Stimmung ein reduzierter Selbstwert, Schuldgefühle und Scham, Pessimismus und Zukunftsängste, Interessenverlust, Freudlosigkeit, sozialer Rückzug, Stimmungslabilität mit innerer Unruhe, Müdigkeit und Antriebsschwäche, veränderter Appetit mit Gewichtsschwankungen sowie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Einige dieser Symptome treten auch infolge einer schlechten Diabeteseinstellung auf und werden daher häufig nicht als Depression erkannt. Dadurch wird der Teufelskreis aus schlechter Diabeteseinstellung einerseits und Hilf- und Hoffnungslosigkeit im Patienten andererseits aufrechterhalten.

Ad Essstörungen:

Man unterscheidet drei Gruppen von Essstörungen, nämlich die Anorexia nervosa (weitgehende Essensverweigerung), Bulimia nervosa (episodische Essanfälle meist begleitet von Erbrechen, Abführmittel- und Diuretikakonsum) und Adipositas (Übergewicht). Die Ängste vor zuviel oder zu wenig Essen im Zusammenhang mit Diabetes sind vielfältig. Besonders Frauen sparen zumindest zeitweilig Insulin ein, da sie meinen, dass Insulin „dick mache“. Beide Geschlechter sind gekennzeichnet von zeitweiligen Essanfällen die unter dem Motto stehen: „Ich will endlich auch mal wieder essen, was ich möchte!“. Anschließende „Hungertage“ aufgrund von schlechtem Gewissen können die Blutzuckereinstellung gehörig destabilisieren.

Ad Angststörungen:

Angst kann in vielfältigen Formen in allen Bevölkerungsgruppen auftreten. Angststörungen infolge von Diabetes treten aber typischerweise als Panik-attacken, Hypoglykämieangst oder Angst vor Folgeerkrankungen auf.
Die Hauptsymptome einer Panikattacke sind Schweißausbruch, Herzrasen, beschleunigter Atemrhythmus mit Engegefühl in der Brust, Unruhe und intensive Angst. Sie ähneln zumindest teilweise den Symptomen einer Hypogykämie und können daher – ähnlich wie bei der Depression – als psychische Störung übersehen werden. Eine einfache Blutzuckermessung könnte Klarheit bringen, ob es sich um einen „Hypo“ oder eine Panikattacke handelt. Tatsächlich aber denken Patienten häufig gar nicht an die Möglichkeit einer Panikattacke.

Die Hypoglykämieangst ist gekennzeichnet durch übertrieben häufige Blutzuckermessungen, Einschränkung der Reisetätigkeit, große Zwischenmahlzeiten, reduzierte sportliche Aktivität, der BZ-Spiegel wird über 140 mg/dl gehalten, man geht kaum alleine außer Haus, es kommt zu Angst besonders beim Autofahren oder wenn man verantwortungsvolle Tätigkeiten ausführen soll. Die genannten Verhaltenssymptome und Ängste können neben einer massiven Einschränkung der Lebensqualität für den betroffenen Patienten einerseits zu einer schlechten BZ- Einstellung und damit zu erhöhtem Risiko für Folgeerkrankungen führen, andererseits auch zu beträchtlichen sozialen Problemen im Bereich von Beruf oder Familie. Daher ist es unbedingt notwenig eine Hypoglykämieangst als Angststörung zu diagnostizieren und zu behandeln.

Zudem kann eine übertriebene Angst vor Folgeerkrankungen zu vielfältigen Ängsten führen, die den Lebensalltag der Patienten und ihrer Angehörigen massiv beeinträchtigen und im schlimmsten Fall zu einer Krankheitsangststörung mit hypochondrischen Symptomen führen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Einfluss von psychischen Störungen auf ein effektives Selbstmanagement und langfristig gute BZ-Einstellung derzeit sowohl von Patienten als auch vom medizinischen Personal unterschätzt wird.

Psychische Störungen müssen durch einen FA für Psychiatrie oder einen klinischen Psychologen diagnostiziert und einer entsprechenden Behandlung zugeführt werden. Die häufigsten Behandlungsstrategien in diesem Zusammenhang sind:

  • Verordnung von antidepressiven Medikamenten
  • Inanspruchnahme von Psychotherapie
  • Erlernen von Entspannungstechniken
  • Biofeedback
  • BGAT (blood glukose awareness training) zur verbesserten Hypoglykämiewahrnehmung

Sollten Sie, geschätzter Leser oder Leserin, an sich oben besprochene Symptome wiederholt wahrgenommen haben, dann nehmen Sie diese nicht auf die leichte Schulter und plagen Sie sich nicht lange Jahre zusätzlich zu Ihrer Diabeteserkrankung mit einer depressiven Stimmung oder vielfältigen Ängsten. Suchen Sie professionelle Hilfe und Unterstützung – Ihrem Blutzucker und damit Ihrer Gesundheit und Lebensqualität zuliebe!

Mag. Irene Staringer
Klinische und Gesundheitspsychologin
Hartmannspital

Literatur:

  • G. Fehm-Wolfsdorf. Diabetes mellitus. Hogrefe Verlag. 2009
  • G. Kovac. Trotzdem Erwachsen werden: Individualisation und Identität bei jungen Erwachsenen mit Typ 1 Diabetes. Verlag G. Nummer. 2007
  • S. Herpertz. Psychosoziale Aspekte in der Diagnostik und Therapie des Diabetes mellitus. Pabst Science Publisher. 1999




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