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Strukturierte Schulung enorm wichtig

Chancen haben nur altersgerechte Therapien

„Die Natur will, dass Kinder Kinder sind, bevor sie zum Erwachsenen werden!“
(Jean-Jaques Rousseau).

Foto zeigt Mädchen

Jeder Lebensabschnitt stellt neue Herausforderungen Foto: © Shutterstock / ZouZou

Die Leitlinien der österreichischen Arbeitsgruppe für pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie stellen fest, dass die subjektive Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes Mellitus Typ 1 (DMT1) ident mit gesunden Gleichaltrigen sein sollte. Als negative Einflüsse auf die Lebensqualität zählen schlechte HbA1c Werte, diabetes¬bezogene Konflikte und daraus resultierendes negatives Krankheitserleben.
Haben Eltern und Kinder die Akutphase der Erstmanifestation überwunden und durch entsprechende Schulung gelernt, den Diabetesalltag wie Blutzuckermessen, Insulininjektion, Ernährung etc. zu meistern, beginnt erst die Schwierigkeit, dies alles im Umfeld wie Kindergarten, Schule oder Berufsleben „unter zu bringen“.

Mühsames Alltagsgeschäft

Auf der einen Seite steht die Forderung, normale Blutzuckerwerte ohne Unterzuckerung (Hypoglykämie) zu erreichen, auf der anderen Seite die Vermeidung von Hyperglykämien (hohe Zuckerwerte) zur Verhinderung von sogenannten „Spätkomplikationen“; eine Gratwanderung, wie wir alle wissen.
Die akute schwere Hypoglykämie mit den für die Umgebung beängstigenden Symptomen führen dazu, dass KindergärtnerInnen oder Lehrpersonal aus verständlicher Angst die Verantwortung nicht übernehmen wollen und nicht selten die Betreuung der Kinder ablehnen. Erst vor Kurzem musste ich deshalb in einem Kindergarten wegen eines zweieinhalb Jahre alten neu manifestierten Buben das Kindergartenpersonal schulen, wobei es mehr darum ging, die Angst der BetreuerInnen abzubauen, als Wissen zu vermitteln.
Mit dem Älterwerden des Kindes kann es mehr und mehr in das Selbstmanagement seines Diabetes eingebaut werden. Dabei nimmt das Maß der Selbstverantwortung zu, die kindliche Unbekümmertheit geht gleichzeitig mehr und mehr verloren.
Viele Studien zeigen, dass junge Menschen mit Diabetes ein höheres Risiko für Schwächen im Bereich von Informationsverarbeitung und Lernen haben. Dies gilt vor allem dann, wenn sich der Diabetes sehr früh entwickelt hat und es zu vielen schweren Hypoglykämien gekommen ist.

Mädchen öfter betroffen

Je besser also die metabolische Kontrolle ist, umso besser die Schulerfolge und das erreichte Ausbildungsniveau. Schulprobleme sollten uns Betreuer hellhörig machen, da möglicherweise eine klinisch psychologische Diagnostik notwendig sein wird. Das Risiko für psychiatrische Erkrankungen, wie z B. Depressionen, Verhaltensauffälligkeiten oder Befindlichkeitsstörungen, ist abhängig von Alter, Geschlecht, sozialem Status etc. Mädchen sind häufiger betroffen als männliche Jugendliche. Hier hat die funktionierende Familie einen wichtigen Einfluss auf die Diabeteseinstellung.
Das Diabetesselbstmanagement wird durch familiäre diabetesbezogene Konflikte erschwert. Auch (verständlicherweise) oftmals überfürsorgliche Eltern verhindern die Entwicklung Jugendlicher zur Eigenverantwortung. Rechtzeitig unangepasste Bewältigungsmuster zu erkennen und in der Behandlung und Beratung zu berücksichtigen, ist somit enorm wichtig.
Jeder Wechsel vom Kindergarten in die Volksschule, Hauptschule, Mittelschule, Berufsschule oder Hochschule ist nicht nur ein neuer Lebensabschnitt wie bei gesunden Jugendlichen, sondern bedeutet immer wieder neue Herausforderungen für die DiabetikerInnen und macht eine Neuanpassung der Diabeteseinstellung notwendig.

Vorgaben akzeptieren

Die metabolischen Zielsetzungen müssen auch mit den individuellen Zielsetzungen abgestimmt werden. Sich über die Bedürfnisse der Kinder und Eltern durch starre therapeutische Vorgaben hinwegzusetzen, ist kontraproduktiv und fördert keineswegs die Bereitschaft, vorgeschriebene Therapien einzuhalten. Das Zitat „Der Weg ist das Ziel“ hat auch hier seine Berechtigung. Strukturierte Schulung und Vermittlung von Wissen ist in der Therapie des DMT1 von enormer Bedeutung, setzt aber auch voraus, dass Kinder, Jugendliche und Eltern dazu bereit sind. Psychosoziale Belastungen, psychische Störungen, konfliktbelastete Familien oder ökonomische Zwänge schränken diesen Zugang oftmals ein und machen soziale und psychotherapeutische Hilfen notwendig.

Psychosoziale Faktoren und Risiko unzureichender Diabetestherapie

  • Gestörte Bewältigungsstrategien (Krankheitsverleugnung,…)
  • Familiäre Konflikte
  • Überforderung des Kindes zur Selbstständigkeit
  • Kommunikationsprobleme innerhalb der Familie
  • Kommunikationsprobleme mit dem Diabetesteam
  • Niedriger sozioökonomischer Status
  • Zuwanderung, Migrationsprobleme,…
  • Unvollständige Familien / Scheidung
  • Körperliche oder psychische Erkrankung der Eltern

„Die Aufgabe der Umgebung ist es nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren!“ (Maria Montessori)

Foto: © privat

Dr. Peter Kitzler
Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Klagenfurt






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Quelle: www.aktive-diabetiker.at © ADA - Aktive Diabetiker Austria - Mittersteig 4/21, A 1050 Wien