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Pionierarbeit ist Helga Grillmayrs Leben

„Ich bin ein Furchengräber“

Sie hat die Anfänge der Diabetestherapie durchlitten und wesentlich zum besseren Umgang mit der Krankheit beigetragen.

Zuckergoscherl. So heißt das Café am Rochusmarkt, an dem ich Dr. Helga Grillmayr treffe. Da gibt es Mehlspeisen, die wir uns beide als DiabetikerInnen mit Fit-Therapie gönnen könnten. Heute hat man bequeme Blutzuckermessgeräte und komfortable Spritzen, doch: „Ich war gerade fünfzehn, hab‘ plötzlich kiloweise abgenommen, hatte viel Durst und Menstruationsstörungen, die Müdigkeit war unerträglich. Im Spital hat man den horrenden Blutzuckerwert von 800 festgestellt“, erinnert sich Helga Grillmayr. Sofortige Therapie war angesagt. Das war 1965, und die Behandlung von DiabetikerInnen steckte in den Kinderschuhen.
„Im Spital war ich fast die einzige Junge in einem Zimmer mit 33 Betten. Statt einer Schulung gab‘s nur Verbote, und das Insulin musste durch dicke Stahlnadeln unter meine Haut.” Schrecklich.
„Ich wäre verzweifelt, hätte ich nicht Jeanny kennengelernt.“ Die 17-Jährige war lustig, frisch verliebt und immer gut drauf, obwohl sie auch an der Insulinnadel hing. Für Helga war der Umgang mit der Krankheit, wie Jeanny ihn lebte, prägend.
Und: „Als ich schwanger wurde und auf einmal von den ganz und gar nicht angenehmen Folgen der Zuckerkrankheit las, wurde ich hellhörig und begann, mein Leben umzustellen.“ Am Wiener AKH bekam sie ihre erste wirkliche Schulung.
„Ich bin ein Furchengräber“ gesteht Dr. Grillmayr ein. „Es macht mir Freude, Neues aufzubauen.“ Zum Beispiel die erste Selbsthilfegruppe vor jetzt 28 Jahren. „SID“ hieß sie, Selbsthilfegruppe insulinpflichtiger Diabetiker, deren Vorsitzende sie bald wurde. In der Staatsoper knusperte sie mitten in Generalpausen Fredy-Keks, weil man ihr befohlen hatte, dreistündlich zu essen und zu spritzen.

Neue FIT-Therapie

Bis Univ.-Prof. Dr. Kinga Howorka, Vorkämpferin der „FIT-Therapie“, in ihr Leben trat. Auf einmal konnte sie mit gut abgestimmten Insulingaben im wesentlichen essen, was sie wollte. Ihr ist sie für viele Jahre gewonnener Freiheit sehr dankbar.
Jetzt gab‘s kein Halten mehr. Neben der engen Zusammenarbeit mit Dr. Howorka führte sie den Zusammenschluss von vier Diabetikervereinen zur Österreichischen Diabetikervereinigung (ÖDV) herbei, wo sie die Landesleitung Wien inne hatte, dann den Vorsitz der Aktiven Diabetiker (ADA). Weiter aktiv ist sie als Bewegungsgruppen-Guru bei den ADA und schrieb viele praxisgerechte Bücher über den positiven Umgang mit der Zuckerkrankheit.
„Irgendwann ist auch Zeit, sich mehr der Familie zu widmen“, schwärmt sie vom sechseinhalbjährigen Enkel Marco. 15 Jahre lang hatte sie die Zeitschrift der ADA gestaltet. Den Abschied sieht Helga Grillmayr ambivalent. Aber eigentlich fällt ihr die Übergabe nicht schwer, denn die Furchen dafür hatte sie ja schließlich längst gegraben.

Richard Andraschko

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Quelle: www.aktive-diabetiker.at © ADA - Aktive Diabetiker Austria - Mittersteig 4/21, A 1050 Wien