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Diabetiker im Kampf gegen das eigene Unglück:

Antikatastrophenrambo

Die Schicksale anderer Menschen berühren uns – und sollten uns gleichzeitig auch wachrütteln. Angst: Nein! Kontrolle und Disziplin!

Mit Bestürzung, aber auch mit Bewunderung, habe ich den Artikel über die hartnäckige Zehenverletzung, die daraufhin notwendig gewordene Amputation, aber auch über den Umgang des Patienten mit seinem Schicksal auf Seite 25 im ADAJournal 03/2012 gelesen. Ein gar nicht ungewöhnlicher Fall – auch mein Sohn in Hainburg schilderte mir von einer Patientin mit einer etwas gequetschten Zehe, die nicht und nicht heilen wollte, und der letztlich ebenfalls das Bein amputiert werden musste. Muss das heute noch immer ein „gar nicht ungewöhnlicher Fall“ sein?

Wo leben wir denn?!?

Befinden wir uns noch in den fünfziger Jahren, als ich als kleiner Bub gerne am Knie eines gütigen, blinden Mannes saß, dessen einzige Freuden es waren, beim Radio zu sitzen und aus abgerauchten Zigaretten erwuzelte neue Zigaretten zu rauchen? Beide Beine mussten amputiert werden, bald darauf verstarb er. Oder der Fall in der Judenburger Urologie Praxis meines Freundes, dem eine Pflegerin einen schlanken aber blinden älteren Herrn ohne Beine zur Tür hereinschob, der aber erst im Pflegeheim, bereits blind und amputiert, abmagern musste, was er vorher nicht für notwendig gehalten hatte?
Schöner ist da schon eine andere Geschichte, über die man sogar guten Gewissens schmunzeln kann: So wie mein Bekannter Roland Girtler sich in der Kronen Zeitung als vagabundierender Kulturwissenschaftler beschreibt, so sind wir vagabundierende „Stressforscher“, die manchmal von Betrieb zu Betrieb ziehen, die in Schulen, Ämtern und gemeinsam mit der Theresianischen Militärakademie in Kasernen und Spezialpolizeieinrichtungen die typischen Belastungen und den daraus resultierenden typischen Stress der Leute dort messen, gemeinsam mit lokalen Ärzten. Weil nun das Verhalten der Blutzuckerwerte im Zusammenklang mit vielen anderen Stoffwechseldaten wichtige Informationen über Belastung und Belastbarkeit liefert, kommt es immer wieder vor, dass wir hohe Zuckerwerte entdecken. Wir nehmen die Betroffenen beiseite und raten ihnen, den Arzt ihres Vertrauens aufzusuchen und dem Hinweis nachzugehen.
Einmal, bei Messungen in einem großen Betrieb, wich der Generaldirektor in auffallender Weise nicht von meiner Seite. Er grummelte und brummte unaufhörlich über die lächerliche Manier, aus Blutstropfen Zustandsbilder extrahieren zu wollen, und mokierte sich über unsere anonymen Gruppenbefunde. Nach langem Hin und Her stellte auch er sich für eine Messung zur Verfügung. Sein Blutzuckerwert lag weit jenseits der 400 mg/dl. Darauf angesprochen sagte er wegwerfend, dass er schon wüsste, dass er einmal ein bisschen Diabetes gehabt hätte (wörtlich!), dass ihm aber Arbeit und Besprechungen so über den Kopf wüchsen, dass er sich um solche Petiten nicht kümmern könnte.

Klartext reden, hilft!

Halb aufgebracht und halb amüsiert antwortete ich ihm, dass er sicher bald seine Ruhe haben werde und sich dann ausführlich um sich selbst kümmern könne, weil er sich in nicht allzu langer Zeit auf einem gemütlichen Lager wiederfinden werde. Denn, so sagte ich ihm, man werde wohl zuerst nur seine Füße, später aber auch seine Beine amputieren müssen. Aber – so sprach ich weiter – er würde sowieso lang und oft liegen müssen, weil er nach seinem vorhersehbaren Nierenversagen lange Stunden bei der Dialyse verbringen werde. Das einzig Unangenehme dabei sei die Langweile, denn lesen werde er wegen der diabetischen Retinopathie und der folgenden Erblindung wohl nicht können.
An seine unmittelbare Reaktion auf meine netten Worte kann ich mich nicht mehr erinnern. Sehr wohl aber an die Mail, die ich etwa drei Monate später von ihm erhielt. Darin dankte er mir für meine „freundliche Brutalität,“ die ihn wachgerüttelt hätte. Er teilte mir mit, dass er bereits zehn Kilo beim Training abgenommen habe, dass sein Blutzucker nun erfreulich niedrig sei und deshalb die anfangs verordneten Tabletten wieder abgesetzt werden konnten. Er sei fit, glücklich und angstfrei.
Das war das Stichwort: Angst.

Angst berät schlecht!

Viele der ach so überraschenden Zehen könnten viel früher den Weg zum Arzt finden, wenn man nicht ängstlich ignorieren würde, wie oft man seit Neuestem in der Nacht zur Toilette muss. Die Angst, dass etwas Ungewöhnliches im Busch ist, kann nur ein guter Arzt nehmen, wie einer meiner Bekannten, der mir erklärte, dass der Patient die Praxis eines guten Arztes in den meisten Fällen beruhigter verlassen sollte, als er hingegangen ist.

Die, wie wir gesehen haben, so notwendige Diabetesaufklärung ist nur dann erfolgreich, wenn der Patient weiß, dass nicht nur sein Zuckerhaushalt durcheinander ist, sondern genauso sein Fettstoffwechsel und sein Eiweißstoffwechsel. Dann wird er viel besser verstehen, dass gegen eine so umfassende Störung nur eine allgemeine Veränderung des Lebens helfen kann. Und die hilft in fast allen Fällen unglaublich gut. Regelmäßigkeit und Bewegung. Ausdauer- und Kraftsport in Maßen und in Freude betrieben, sind die unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreich weit und immer weiter auszudehnende Zukunft in Glück und Freude.
Diese Haupttherapie – selbstverständlich klug medikamentös unterstützt durch den Arzt – ist das Um und Auf des Glückes.

Leben ändern – JETZT!

Sehen Sie die Zuckerirritationen nur als Spitze des Eisberges, die einfach deshalb so prominent erscheinen, weil Zucker als am schnellsten verfügbarer Treibstoff das Werkel auch am schnellsten zum Stottern bringt. Die skleroseträchtigen Fettstoffwechselstörungen – für die wir gerade versuchen eine schnelle Schätzdiagnose zu finden – brummeln still, unerkannt und gefährlich unter der Oberfläche vor sich hin, genauso wie die gefäßzerstörenden Veränderungen im Eiweißstoffwechsel. Alles Gründe für die dem Herrn Direktor so drastisch geschilderten Spätfolgen.
Aber: Bewegung, Sport, gesunde Ernährung – alles, was schon gesunden Menschen empfohlen wird, die es dann aber aufgeben, weil sie keinen schnellen Erfolg merken – das alles ist für Sie nicht nur Vorbeugung, sondern in Ihrem Fall Therapie, deren Erfolg Sie – zum Unterschied von den Stoffwechselgesünderen – merken und messen können. Kein einseitiges preußisches Askeseregime, kein brutales Hinunterknallen des Blutzuckers mit allen der Pharmaindustrie so werten Mitteln, sondern stolze Eigeninitiative unter ärztlicher Anleitung mit den richtigen Medikamenten und Elektrolyten, allen voran das Diabetikersorgenkind Magnesium.
Sie lernen es schnell!
Wissen Sie, wann Sie es wirklich begriffen haben? Dann, wenn Sie mit klugem Sport- und Ernährungsregime einem kleinen Sündchen vorgearbeitet haben, das ich Ihnen von Herzen gönne.

Foto: © privat

Univ.-Prof. Dr. Sepp Porta
Leiter des Instituts für angewandte Stressforschung

8111 Judendorf-Straßengel, Gratweiner Straße 21
E-Mail: stresscenter@netway.at
Web: Externer Linkwww.csa-online.at




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ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 03.07.2012 - 14:04 Uhr

Quelle: www.aktive-diabetiker.at © ADA - Aktive Diabetiker Austria - Mittersteig 4/21, A 1050 Wien