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Gedanken zur Diabetesschulung in Österreich

Es lebe die Revolution?

Viel hat sich getan in den letzten Jahrzehnten. Aber sind wir bei der Diabetestherapie und -betreuung tatsächlich schon dort angekommen, wo wir hin sollten?

“Non Stop Revolution in der Diabetologie (1973-2013)“ war der Titel des Eröffnungsvortrages von Prof. Guntram Schernthaner, anlässlich der Jahrestagung der Österreichischen Diabetes Gesellschaft 2012.
In diesem exzellenten Vortrag wurden die Zuhörer durch 40 Jahre Fortschritte in der Diabetologie geführt. Fortschritte, die durch die Entwicklung technischer Maßnahmen sowie neuer Medikamente erreicht wurden.

Wir sind vorangekommen…

Beginnen wir mit der Tatsache, dass wir damals keine Blutzuckerselbstkontrolle kannten, keine HbA1c oder Mikroalbuminurie Bestimmung, keine Insulinpens oder Insulinpumpen. Wir kannten kein Humaninsulin, keine Insulinanaloga, keine Statine, keine modernen Sulfonylharnstoffe, keine Insulinsensitizer, keine Inkretine und keine ACE Hemmer zur Blutdruckregulierung. Es fehlten Langzeitstudien zu den vielen diabetologischen Problemen.

Als ich 1975 mit der Diabetologie begonnen habe und vornehmlich an der Basis mit der Schulung tätig war, waren wir wenige, die damit beschäftigt waren, die in Österreich kaum vorhandene Diabetesschulung zu etablieren und zu institutionalisieren. Im Vordergrund stand, unsere Diabetes Typ 1 Patienten zum Diabetesselbstmanagement zu schulen und somit unabhängig zu machen, den Diabetes „under control“ zu bekommen – es ging um Lebensqualität.
Die zunehmenden technischen Möglichkeiten, handliche Blutzuckermessgeräte, Pens, etc. führten zur heute unverzichtbaren Funktionellen Insulintherapie (FIT), ebenso die Entwicklung von Insulinpumpen, Blutzuckersensoren, die eine immer qualifiziertere Schulung notwendig machten und weiterhin notwendig machen.

… aber Diabetes ist schneller

Die teilweise gelösten Probleme im Management des Typ 1 Diabetes trösten aber nicht darüber hinweg, dass wir von einer Typ 2 Diabetes Epidemie, „einer nichtansteckenden Erkrankung“ überrollt werden. Anstrengungen, durch sogenannte Lifestyle-Veränderungen den Anstieg von Adipositas, Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen und Typ 2 Diabetes zu verhindern oder einzuschränken, kann man als gescheitert ansehen.
Hätte ich als Student bei der Kinderheilkunde- oder Internen Prüfung auf die Frage, ob es Typ 2 Diabetes bei Kindern gäbe mit „Ja“ geantwortet, wäre ich zweifelsohne mit einem „Ungenügend“ nach Hause gegangen. Die Zahl der Typ 2 Diabetiker in Europa und weltweit ist infolge des steigenden Übergewichts unaufhörlich im Ansteigen, und Länder in Asien wie z.B. Indien zeigen gerade beim Übergewicht eine lawinenartige Zunahme.
Obwohl es genügend Studien gibt, die belegen, dass Schulung und eine Änderung des Lifestyles ähnliche, wenn nicht sogar gleichwertige Effekte zeigen wie medikamentöse Therapien, so klingt der einleitende Satz aller Leitlinien, „Die Basis der Diabetestherapie sei Schulung, Ernährung und Bewegung“, fast wie das Kleingedruckte bei Verträgen oder wie eine Fußnote.

Profit zählt, nicht der Patient

Es fehlt hier der politische Wille (außer in Wahlkampfzeiten) in der Umsetzung. Noch immer ist die so wichtige Diabetesschulung und ambulante Diabetesbetreuung, inklusive Gewichtsmanagement, eine idealistische und kaum „wert“geschätzte Therapie, da unspektakulär und nicht profitmaximierend, lediglich spürbar für den Betroffenen.
Es gibt auch weiterhin kaum entsprechende Diabeteskompetenzzentren im niedergelassenen Bereich. Diabetesschulung hat bis heute keinen Kostenstellenwert bei den Krankenkassen, und ob die sogenannte revolutionäre Gesundheitsreform hier die entsprechenden Strukturen schaffen wird, bin ich gespannt und voll Erwartung.
Obwohl die Non Stop Revolution nicht ohne Diabetesschulung stattfinden hätte können, wird dies nur am Rande erwähnt. So gesehen hat die Revolution für mich bis dato nur in der Entwicklung neuer technischer und medikamentöser Maßnahmen gegriffen.
Viele Medikamente dienen aber nur der Kosmetik von Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten etc., meistens nur in Hinblick auf Lebensverlängerung. Der Gewinn an Lebensqualität ist häufig nur marginal messbar und im individuellen Fall erschreckend gering.

Also eine Non Stop Revolution die auch nach 40 Jahren die Förderung und Bezahlung von Diabetesschulungen nicht geschafft hat – zumindest in Österreich.

Prof. Schernthaner hat seinen Vortrag mit einem Ausspruch von Gustav Mahler beendet:
Das Alte kann nur weiterleben
Wenn es zugleich das Neue zulässt.
Denn Tradition ist nicht die Anbetung der Asche,
sondern die Weitergabe des Feuers.

Ist Diabetesschulung in Österreich schon Asche oder wenigstens noch ein Flämmchen?

Foto: ©

Dr. Peter Kitzler
Facharzt für Kinder-und Jugendheilkunde, Sportarzt

E-Mail: p.kitzler@bodymed.at
Web: Externer Linkwww.bodymed.com




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ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 27.02.2013 - 18:06 Uhr

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