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„Selber Schuld“ ist keine Erklärung!

Diabetes und Lebensstil

Vorwürfe sind schnell gemacht, von Ärzten, Angehörigen, der öffentlichen Meinung – und, am schlimmsten: von sich selbst.

“Der will sich nicht halten, ist nicht in der Lage, endlich abzunehmen, zu träge, um sich zu bewegen, und lebt einfach zu ungesund.“
Als ob es Menschen gäbe, die sich absichtlich und ohne innere oder äußere Not Schaden zufügen. Es mag manchmal schon Unwissenheit oder auch ein gewisses Maß an Einsichtsmangel vorkommen – meiner Erfahrung nach ist das selten der einzige oder auch nur der Hauptgrund für einen schlechten Verlauf. Meistens liegen die Ursachen woanders.

Für viele Menschen ist die Umstellung objektiv schwierig: Gesundes Essen ist teurer als ungesundes, ungünstige Arbeitsverhältnisse wie Schichtarbeit und Arbeit auswärts machen sorgfältig ausgewähltes, regelmäßiges Essen nicht leicht, mühsame Arbeit und lange Arbeitszeiten erschweren ausreichend gesunde Bewegung usw.
Dazu kommen, mit mindestens der gleichen Bedeutung, subjektive Hindernisse: Diabetes ist (wie die meisten chronischen Krankheiten) bei vielen Menschen mit einer Depression verbunden. Das ist weitgehend wissenschaftlich abgesichert.
Diabetes. Lebensstil und Depressivität: komplexe Zusammenhänge

Diabetes + Depression

Bei bestehendem Diabetes ist das Risiko, an Depression zu erkranken, um etwa 15 bis 24 % erhöht. Die Zahlen schwanken zwischen den einzelnen Studien stark, an der Tatsache selbst besteht aber kein Zweifel. Ob allerdings die Depression Folge des Diabetes ist, oder der Diabetes (auch) Folge einer Depression, oder ob beide eine gemeinsame Ursache haben, ist unklar.
Die Diagnose an sich kann seelische Krisen auslösen – jeder hat von den gefährlichen Spätkomplikationen gehört, jedem ist klar, dass sich sein Leben nun ändern soll – und das, obwohl er sich in den meisten Fällen ja ganz gesund fühlt. Frisch diagnostizierte Diabetiker schwanken daher oft entweder zwischen Angst und Verleugnung, oder aber sie stürzen sich mit großer Entschlossenheit auf das Problem, was ja ebenfalls eine Angst-
reaktion sein kann und nicht selten irgendwann zu Erschöpfung und Widerwillen führt. Die erforderliche Lebensumstellung, der Wandel des Selbstbilds vom Gesunden zum Kranken, kann also depressive Reaktionen auslösen. Nicht nur zu wenig Unterstützung kann zur Überforderung führen, sondern auch ein zu viel: Der Patient fühlt sich dann belagert und belästigt durch gute Ratschläge und ungebetene Aufpasser, und er fühlt sich krank geredet – obwohl er von einer Krankheit noch nichts spürt und auch nichts spüren will.

Bekannt und nachgewiesen ist, dass eine Depression einer der Faktoren ist, die das Risiko erhöhen, an Diabetes zu erkranken. Auch hier gilt, dass noch sehr wenig erforscht ist, warum das so ist. Einen gewissen Zusammenhang finden fast alle Studien, schlüssige Erklärungen fehlen noch. Möglicherweise leben depressive Menschen weniger gesund, essen mehr, vor allem Süßes, und bewegen sich weniger – alles Risikofaktoren für die Entstehung von Diabetes.
Eine weitere Möglichkeit des Zusammenhangs ist, dass die Stoffwechsel- und Gefäßveränderungen im Verlauf der diabetischen Erkrankung die Entwicklung einer Depression begünstigen, bzw. die Fähigkeiten zum Umgang mit der Krankheit verändern. Auch darüber wissen wir noch sehr wenig.

Hilfe zulassen …weil ich es mir wert bin!

Aus diesen Zusammenhängen ergeben sich auf jeden Fall etliche interessante Aspekte. Unabhängig davon, wie die Zusammenhänge nun genau sind, werden von einer depressiven Stimmungslage die Möglichkeiten von Diabetikern beeinflusst, gesünder und für sich selbst zuträglicher zu leben, denn Menschen mit Depression haben einerseits grundsätzlich wenig Hoffnung, wenig Optimismus, und können sich schwer vorstellen, dass ihr Leben besser werden kann. Zum anderen fehlt ihnen vielfach die Kraft, sich und ihre Gewohnheiten zu ändern, und, was noch viel schlimmer ist, die Motivation.
Wer sich um sich selbst kümmern und sich selbst Gutes tun soll, muss es sich vor allem einmal wert sein. Er muss sich spüren können, angenehme Gefühle aus der Umstellung und Freude über gelungene Veränderungen erleben. Das ist für Menschen mit depressiven Anteilen schwer.
Depressive Menschen neigen auch dazu, Hilfe schwer annehmen zu können, andere Menschen, die helfen möchten, können sich leicht zurückgewiesen fühlen – und reagieren ihrerseits mit Unverständnis, was die Betroffenen in ihrer unzufriedenen Stimmung dann auch noch bestätigt: „Keiner kann mir helfen, keiner will mir wirklich helfen.“

Es liegt NICHT an mangelnder Disziplin!

Meines Erachtens wird all dies bei dem Umgang mit dem Diabetes – und den Diabetikern – noch viel zu wenig berücksichtigt, und zwar von allen beteiligten Seiten. Von Ärzten und Versicherungen, die vorwurfsvoll reagieren und ohne weitere Überlegungen oder Maßnahmen „Wohlverhalten“ verlangen. Von allen, die auf Diabetiker mit Disziplinmängeln verächtlich reagieren. Und von den Betroffenen selber, die sich Vorwürfe machen und mit noch mehr Rückzug reagieren.
Wichtig scheint mir in erster Linie, zu wissen, dass es diese Zusammenhänge gibt, dass vor allem bei schlecht einstellbaren oder wenig motivierten Diabetikern nach einer möglichen Depression oder depressiven Verstimmung gesucht werden sollte. Wenn wirklich eine echte Depression vorliegt, wird unter Umständen eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll sein, und/oder eine antidepressive Medikation Hilfe für den Patienten bieten können. Gespräche mit Arzt, Angehörigen anderer Gesundheitsberufe, Familienmitgliedern oder Freunden können in leichteren Fällen helfen. Manchmal hilft ein Wechsel des Berufs oder des Umfeld, ein neues Hobby, eine neue Aufgabe, eine Reduktion von Belastungen oder ein Erholungsurlaub. Wie auch immer dies im Einzelfall erreicht wird: Es muss Freude ins Leben!

Therapie aktiv

Hilfreich bei der Bewältigung der Diagnose und der Anforderungen, die die diabetische Stoffwechsellage stellt, kann auch die Betreuung im Rahmen eines „Therapie aktiv“ Programms sein. Eine strukturierte Betreuung nimmt dem Patienten, obwohl er sich beteiligen muss, die Not der Strukturentwicklung ab, und bietet eine Art Geländer und etwas Sicherheit – die durch die Konfrontation mit der Diagnose einer chronischen Krankheit vielleicht verloren war.
Ein wichtiger Teil sind dabei auch die regelmäßigen persönlichen Arztkontakte, wo auch Zeit ist für Gespräche sein sollte, und die ebenso regelmäßigen Kontakte mit dem Praxispersonal, das ja Teil des Betreuungsprogramms ist. Wesentlicher Teil des Programms ist die gemeinsame Festlegung von Zielen, die der psychischen, sozialen und körperlichen Situation immer wieder angepasst werden, die individuell und vor allem erreichbar sein müssen und zu Erfolgserlebnissen führen sollen. Dabei lässt sich, allmählich und schrittweise, der Umgang mit der diabetischen Stoffwechsellage lernen, Sicherheit und Optimismus gewinnen, und die Selbstsorge und Selbstliebe entwickeln, die nötig sind, um wirklich gut leben zu können.

Foto: © Privat

Dr. Susanne Rabady
Ärztin für Allgemeinmedizin, 1. Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin

Landstraße 2, A-3841 Windigsteig

Telefon: 02849/2407
E-Mail: susanne@rabady.at




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ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 29.04.2013 - 14:11 Uhr

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