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Mein Zucker und ich. Berichte aus dem Leben.

60 Jahre Typ 1

Guntbert Kopatschek leidet seit 15. November 1952 an Diabetes – seine Behandlung begann knapp einen Monat später.

Weil im ADA Journal immer wieder Diabetiker den Mut zeigen, über ihren Diabetes zu berichten, will ich mir daran ein Beispiel nehmen, weil ich ein relativ seltener (allein schon wegen der Dauer) aber für andere insulinpflichtigen Diabetiker möglicherweise Trost spendender Fall bin, auch weil ich damals am Leben blieb.

Mein Vater hatte damals dem praktischen Arzt gegenüber den Verdacht auf Diabetes geäußert, sonst wäre es eventuell für mich zu spät geworden. (Mir wurde im 1. Quartal 1953 ein Todesfall bekannt, weil ein zwölfjähriges Mädchen zu spät in die Klinik überwiesen wurde und schon während des Transportes in die Klinik verstorben ist). Ich bin unter anderem auch deshalb am Leben geblieben, weil ich mich als Kind nicht bei der Wassermenge, die ich getrunken habe, einschränken ließ. Ich habe am Gymnasium in der 5-Minutenpause nur eine Beschäftigung gehabt: drei Mal Wasser trinken und sofort zur Toilette – NONSTOP. Die 50 Minuten Unterrichtsstunde musste ich alle 15 Minuten verlassen aus dem gleichen Grund. Meine Niere blieb mir deshalb damals funktionstüchtig, weil ich mehr als 20 Liter Wasser täglich trank. Statt 42 kg Körpergewicht (Sollwert) hatte ich nur noch 28 kg.

Bei Einlieferung in die Kinderklinik (jetzt heißt sie Universitätsklinik AKH Wien) hatte ich 8,6 % Harnzucker mit 2 % Ketonkörpern (damals Aceton genannt).

1955 gab es erstmalig für Kinder eine Dia-betesschulung im „Hörndlwald“ in Wien-Umgebung. Das war die einzige Schulung bis etwa 1975 (dann in Deutschland). Von 1955 bis 1965 habe ich mich gut sportlich betätigt (Fahrradfahrten und Faltbootfahrten). Bei 1,70 m Körpergröße mit 69 kg Gewicht und NULL Bauchspeck. (Auf meiner Stirn hatte ich die gleiche Speckdicke). Damals war ich sehr stark, ich konnte mit 43 kg Nutzlast an den Beinen hängend, nur mit der Armmuskulatur auf einer Stahlstange oder einem dicken Seil nach oben klettern. Kniebeugen auf einem einzigen Bein habe ich auch geschafft.

Es gibt bzw. gab aus meiner Erfahrung zwei wesentliche Risikofaktoren, die ich in die richtige Verhältnismäßigkeit zu bringen hatte:

Unachtsame Bewegung

Für meine körperlichen Leistungen war spätestens ab 1958 keine Diabetesdiät geeignet. Zum Beispiel unter der sportlichen Belastung einer etwa 180 km langen Radtour mit einem schweren Fahrrad ohne Gangschaltung mit damals leider nur einer morgens gegebenen Insulininjektion der Sorte „Novo Lente“ (Depotinsulin, tierischen Ursprungs, überwiegend vom Rind) hatte ich vormittags bereits so viele Kohlenhydrate gegessen, wie es eine Diabetesdiät in einer ganzen Woche vorsehen würde (gerundet etwa 100 BE). Mittags habe ich zwei Wiener Schnitzel mit Kartoffeln in einer Gaststätte noch zu den bereits konsumierten 100 BE zusätzlich gegessen.

Mein Fehler – verursacht durch die damalige Unkenntnis – war, dass sich die Wirkung des Insulins durch die Bewegung verändert hat. Meine damalige Einstichstelle war im Gesäß, was zur Folge hatte, dass vormittags die Wirkung durch schnellere Resorption verstärkt war und abends dann zu gering bzw. unzureichend blieb. So wurde ich kraftlos und brauchte deshalb bis fast 3 Uhr bis ich nach Hause kam. Diesen Fehler bezahlte ich mit einem gigantischen Bauchdeckenfurunkel (mit Klinikaufenthalt).

Es war einmal ein Fieber…

In den späten 80er Jahren, dann unter Einfluss von Humaninsulin, habe ich in der Schweiz in einem Hotel einen grippalen Infekt erlitten mit 40,5°C Fieber, der schneller ausheilte, als bei sogenannten Gesunden zu erwarten wäre – durch eine gewaltige Überdosis von Normalinsulin Actrapid. Normalerweise reichten für eine Mahlzeit 6 i.E. – ich dosierte 20 Einheiten, die nach 30 Minuten noch keine Wirkung zeigten, was mich nochmals zu 20 Einheiten verführte – damit hatte ich die Höchstdosis von 28 Einheiten laut Beipackzettel um 12 Einheiten überschritten.

Unter dem Einfluss von 40 Einheiten Normalinsulin bestellte ich mir ein Kohlenhydratreiches Frühstück, dass ich, ohne unzulässig hohen Blutzucker zu erreichen, essen konnte. Zwei Stunden später hatte ich bereits zwei volle Grad Celsius weniger Fieber (38,5°C). Unter ähnlicher Eigenmächtigkeit – und während meine Frau anwesend war – war ich 48 Stunden später fieberfrei, was bei Nichtdiabetikern nicht oft vorkommt.

So habe ich keinen Arzt gebraucht, den ich außerdem privat bezahlen hätte müssen.

Die gesetzlichen Krankenkassen (bei mir die DAK in Deutschland) verweigern die Zahlung ärztlicher Dienste im Ausland. Beispiel: Wenn ich eine Hypo erleide, und es wird bevor ich widersprechen kann, ein Notarzt gerufen, muss ich privat rund € 550 bezahlen. Die DAK ersetzt mir davon nichts. Umgekehrt wäre es auch so: Wäre ich in Wien bei der Gebietskrankenkasse versichert, dürfte ich meinen Wohnsitz in Hemsbach (Deutschland) nicht mehr benutzen, falls ich ärztliche Hilfe bräuchte.

2 Krankenkassen = doppelter Ärger!

Volle Beitrage bei 2 Krankenkassen (DAK und GKK) in 2 Staaten kann ich mir nicht leisten, weil ich für 6 Monate Aufenthalt in jedem Staat für volle 12 Monate bezahlen müsste. Ich wurde 1993 EU-Rentner (ErwerbsUnfähigkeits-Rentner) – ich habe seit über 30 Jahren einen Schwerbehindertenausweis, der seit den 90er Jahren unbefristet mit einem GdB von 100% gilt. Mein HbA1c-Wert ist oft nahe 6,6 und fast nie über 7,0.

Diesen Bericht habe ich geschrieben, damit andere Diabetiker, insbesondere auch Kinder, nicht mutlos werden. Man kann mit Diabetes Typ 1 die gleiche Lebenserwartung haben, die Gesunde haben, zumindest bleibt die Einflussnahme der Diabeteserkrankung durch entsprechendes Mitdenken und Information der Mitmenschen, die einem auch bei Bedarf helfen können, unauffällig.

Guntbert Kopatschek





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