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Gut, schlecht, nicht geführt

Diabetesführung

Leider gilt der Satz nicht: „… wegen guter Führung vorzeitig entlassen!“
Der Diabetes begleitet einen ein Leben lang.

Was soll man über „gute Diabetesführung“ noch schreiben? Man muss doch annehmen, dass alle wissen, was man darunter versteht, die Diabetiker wissen es, die Ärzte wissen es und die Angehörigen kennen sich aus: „..ja, wissen würden wir ja, wie es geht, aber,…“
Bemüht man das Wörterbuch und sucht nach der Bedeutung des Wortes „Führung“, bemerkt man bald, dass es davon abhängt, in welchem Kontext man „Führung“ gebraucht. Der Wortherkunft entsprechend aus dem Mittelhochdeutschen, bedeutet Führung „Lenk-Vorrichtung“, also eine Vorrichtung zum Lenken! Jemanden zu führen, zu lenken, setzt aber auch voraus, dass der- oder diejenige die Bereitschaft zeigt sich lenken, führen zu lassen.

Das Diabetesteam hat die entsprechenden Voraussetzungen, die Führungsqualität, und übernimmt die Führungsrolle. Der geschulte Diabetiker übernimmt in der Folge selbstverantwortlich seine Diabetesführung.

Somit sind wir schon bei einem Kernproblem: Führungsqualität ist von beiden Seiten gefragt, und wenn es nicht klappen sollte, sprechen wir Ärzte von mangelnder „Compliance“ und nicht entsprechender „Therapieadhärenz“.

Eine gute Diabeteseinstellung wird gerne mit dem HbA1c-Wert in Übereinstimmung gebracht, als Ausdruck, dass der Diabetes gut geführt ist. Neben der guten Stoffwechseleinstellung geht es aber ebenso um Lebensqualität und somit neben Physis auch um psychisches und soziales Wohlbefinden. Als Pädiater sehen wir diese Problematik sehr stark im Pubertätsalter, und oftmals scheitern Eltern und Betreuer gerade an dem „anderen“ Verständnis von Lebensqualität der Jugendlichen.

Jeder Diabetiker ist anders

Zwei Beispiele sollen uns die Problematik der Diabetesführung deutlich machen:

Christian, 18 Jahre, hat über Jahre versucht, seinen Typ 1 Diabetes mittels FIT zu managen. Doch jetzt nach der Matura und mit Übertritt ins Berufsleben „..ist mein Diabetes aus dem Gleis geraten. Die HbA1c-Werte schwanken zwischen 8,5 und 9,0 %. Besonders morgens bekomme ich meine Werte nicht in den Griff. Reagiere ich mit Korrektur, fahre ich vormittags in Hypos und bin bei der Arbeit kaputt und überhaupt beim Training reagiert der Zucker einmal so und einmal so!“ Nach gemeinsamer Festlegung verschiedener Strategien, um die Probleme zu veranschaulichen, also Veränderung der abendlichen Insulindosis, Zeitverschiebung, Kontrolle des Blutzuckers nach Mitternacht zwischen 2 und 3 Uhr, Morgengupf, etc… sind nur geringfügige, aber inkonstante Verbesserungen zu erreichen, eben das Dawn Phänomen „..wie schon vermutet!“

Gemeinsam wird die Umstellung auf eine Insulinpumpentherapie ventiliert. Welche Pumpe, Vor- und Nachteile werden besprochen (Umgang mit Katheter, beim Sport, Schwimmen, Urlaub, …aber auch, was tun mit der Pumpe beim Sex mit der Freundin). Christian entschließt sich zur Pumpeneinschulung. Diese erfolgt ambulant in der Ordination und nach raschem Erlernen der Technik (ist ja für die computergeschulten Jugendlichen kein Problem) starten wir die Pumpe. Jetzt, Wochen später, ist der HbA1c-Wert unter 7 % und ich als Therapeut bin zufrieden. Wichtiger ist aber, ob Christian mit der Pumpentherapie zufrieden ist, und siehe da, die Vorteile überwiegen. Neben der verbesserten und konstanten Stoffwechselsituation ist das Handling (die Führung) im Alltag akzeptiert.

Frau K., 35 Jahre, wird bei mir vorstellig – Diabetes seit einem Jahr (LADA), Insulintherapie (FIT), Diätvorschreibung laut Arztbrief 2,0/2,5/2,0 BE pro Tag, Nachtschichtarbeit – und hofft auf Hilfe.

Warum? – Beim Auslesen des Blutzuckergerätes wird offensichtlich, dass in einem Jahr nur ca. 500 Blutzuckerbestimmungen durchgeführt wurden. Nach Entlassung aus dem Krankenhaus wurden vier Wochen lang 4–5 Blutzuckertests pro Tag gemacht, dann nur mehr ein BZ-Test jeden zweiten oder dritten Tag. Außerdem stellt sich heraus, dass danach (in den letzten 11 Monaten) kein Basalinsulin mehr injiziert wurde.

Was ist passiert?
Mit der verordneten Diät war Sie immer hungrig. Man hat ihre Nachtschichtarbeit bei der Einstellung nicht berücksichtigt. Die Betreuung in der Ambulanz war unpersönlich! Also: „Die anderen sind schuld!“ Vogel-Strauß-Verhalten, Kopf in den Sand stecken, „Wird schon gut gehen!“ Der HbA1c liegt bei 11,6 , Hypogefühle werden schon bei 100 mg verspürt, und sie hat Angst vor Gewichtszunahme, denn sie war früher übergewichtig. Nach längerem Gespräch kommt zutage, dass sie die Tatsache ,„zuckerkrank“ zu sein, nicht verarbeiten konnte und daher keine Krankheitsakzeptanz entwickelt hat.

Akzeptieren, dass man krank ist!

Dann legen wir gemeinsam eine Strategie fest, und vor allem wollen wir an der Krankheitsakzeptanz arbeiten ohne Angst zu erzeugen und nicht mit erhobenem Zeigefinger. Das „katastrophale“ vergangene Jahr kann man ja nicht mehr rückgängig machen, jedoch die Zukunft muss gestaltet werden. Das Erzeugen von Schuldgefühlen soll vermieden werden.
Für zwei Wochen werden 5–6 Blutzuckermessungen täglich vereinbart, mit Protokollierung, die Bedeutung der Basalinsulindosis wird hervorgehoben, neuerliche Schulungen terminisiert,…
Danach Wiedervorstellung mit Besprechung wie man die Nachtschichtarbeit managen kann.

Für den Therapeuten heißt das, die Probleme erkennen und ernst nehmen – Empathie zeigen. Die Diabetesführung wird dadurch erleichtert. Jetzt ist der HbA1c-Wert unter 8 %, natürlich noch nicht optimal, aber wir haben die Situation auf den Weg gebracht – für beide Seiten, Arzt und Patientin, ein erfreuliches erstes Ergebnis.

Manchmal ist es notwendig, kleine Schritte zu machen, denn auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.
Diabetesführung bedeutet immer, einen Schritt vor den anderen zu setzen, im Bemühen, den Alltag zu bewältigen.

Foto: ©

Dr. Peter Kitzler
Facharzt für Kinder-und Jugendheilkunde, Sportarzt

E-Mail: p.kitzler@bodymed.at
Web: Externer Linkwww.bodymed.com




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ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 31.10.2013 - 20:21 Uhr

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