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Mein Zucker und ich. Berichte aus dem Leben.

Anja Rattner

Am 15. Oktober 1998 wurde bei mir im Alter von acht Jahren Diabetes Typ 1 festgestellt.

In der Schule waren meine Mitschüler sehr neugierig und meine Lehrerin sehr hilfsbereit. Dennoch begann ich mit der Zeit, zum Blutzucker messen und Spritzen auf die Toilette zu gehen, da ich mich sehr geschämt und unwohl gefühlt habe. Irgendwann ließ auch das nach und ich ignorierte meinen Diabetes völlig – ich aß und trank was ich wollte, gemessen und gespritzt wurde nur noch ab und zu.

Dementsprechend waren HbA1c Werte von 10-14% völlig normal. Und mit der Pubertät wurde es noch schlimmer. Ich begann, Termine bei der Diabetologin zu schwänzen, Tagebücher zu fälschen und mittels Kontrolllösung auch die Blutzuckerwerte. Ich ging auf Partys, trank Alkohol und feierte die Nächte durch – mein Diabetes war mir vollkommen egal.

Nach einiger Zeit entwickelten sich auf meinen Schienbeinen merkwürdige Flecken: Mit gerade mal 14 Jahren hatte ich schon erste Spätfolgen!
In der Kinderklinik sagte man mir, wenn ich weiterhin so schlechte Werte hätte, müssten sie mir mit 20 Jahren die Beine amputieren. Klar war das ein Schock, der aber nicht lange anhielt. Und wie es in dieser Zeit meinen Eltern ging, war mir egal. So wie mein eigenes Leben auch, Hauptsache ich kann genauso leben wie Nichtdiabetiker.

Mit 18 Jahren lernte ich meinen heutigen Verlobten kennen. Nachdem wir 3 Monate zusammen waren, hatte er den Schock seines Lebens. Wir fuhren zu einem Skiweltcup und damit auch zu einer riesigen Party. Ich hatte nicht einmal meine Utensilien dabei. Nur einen Rucksack gefüllt mit Alkohol. Nach ein paar Glühweinen fing es an: Eine Entgleisung inmitten tausender Menschen inklusive Bewusstlosigkeit. Zum Glück wusste mein Freund über meinen Diabetes Bescheid!

Ab da an lernte ich, wenigstens etwas auf den Zucker Acht zu geben, mein HbA1c lag nur noch bei rund 9%.
Vier Monate nach diesem Vorfall erfuhr ich, dass ich schwanger war. In der 8. Schwangerschaftswoche hatte ich jedoch eine Fehlgeburt, und ich weiß ganz sicher, dass es am Diabetes lag.
Das war der Punkt, an dem ich mich geändert habe. Ich lernte, den Zucker zu akzeptieren, lernte, dass er zu mir gehört, dass ich keine andere Möglichkeit habe als damit zu leben.
Ein Jahr später wurde ich wieder schwanger, mit einen HbA1c von 6%, also stand der Schwangerschaft nichts im Weg.

Die ersten Wochen waren hart. Ich hatte ständig unkontrollierten Unterzucker, war nur noch am Essen, und Insulin komplett weglassen ging ja auch nicht – in der 13. Woche hatte ich einen Langzeitwert von 4,8%. Das war heftig! Im zweiten Drittel war alles angenehmer, doch kurz vor der Entbindung stieg mein Blutzucker konstant an. Letztendlich wurde die Geburt dann 15 Tage vor dem Termin eingeleitet. Ich brachte einen gesunden Jungen zur Welt. Danach ließ ich es etwas lockerer angehen, sprich: Ich kontrollierte meinen Zucker 4-5 mal pro Tag und war auch nicht ganz so streng mit dem Korrigieren. Bei einem HbA1c von 8,6% erfuhr ich, dass ich wieder schwanger war – Zwillinge! – gerade einmal 4 oder 5 Monate nach der Entbindung.

Ein Schock, so ein hoher Wert und dann schwanger! Meine Diabetologin und ich sprachen zum ersten Mal über eine Insulinpumpe… nie hätte ich gedacht, dass ich sie niemals wieder hergeben würde! So eine Pumpe ist wirklich super, meine Werte waren während der Schwangerschaft besser zu kontrollieren, und auch die Zeit danach, in der sich mein Körper von den Schwangerschaften endlich erholen konnte, war dank Pumpe nur halb so schlimm. Ich merkte nicht einmal, dass ich da immer etwas an mir hängen habe.

Durch meine Kinder wurde ich auch ein sehr optimistischer Mensch. Für mich ist es mittlerweile selbstverständlich, den Zucker zu kontrollieren und zu spritzen. Es gehört zum Alltag, was vor 3 Jahren noch nicht so war. Ich muss zugeben, man fühlt sich besser, ist fitter und ausgeglichener.
Mein Optimismus und meine Akzeptanz haben mich sogar auf die Idee gebracht, meine Krankheit zum Beruf zu machen: Im März beginne ich mit der dreijährigen Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, um danach die Weiterbildung zur Diabetesberaterin zu machen.

Ich habe endlich den richtigen Weg gefunden, und es lag nicht nur an mir, sondern auch an meiner Familie, Freunden und meinem Verlobten. Ich werde mein Leben mit Diabetes leben.





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