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Der glatte Fluss aller Dinge.

Die Traditionen der Chinesichen Medizin zeigen auf, wie wichtig es ist, „lieb zu unserer Mitte“ zu sein.

Diabetes mellitus (DM), die Zuckerkrankheit, ist eine Krankheitsdefinition der modernen westlichen Medizin, welche im 20. Jahrhundert in China übernommen wurde und dort zu dem Chinesischen Begriff tang niao bing (“Zucker-Harn-Krankheit”) geführt hat.

Bekannt sind die Symptome des Diabetes Mellitus schon lange in der TCM unter dem Namen xiao ke (“Verlieren und Dürsten”). Die erste Erwähnung von xiao ke findet sich im Huang Di Nei Jing, dem Buch des Gelben Kaisers über die Innere Medizin, welches etwa 200 Jahre vor Christus verfasst worden ist. Schon damals wird als Ursache Überessen an Süßem und Fettem, emotionaler Stress („zu viele Emotionen“), Schwäche der fünf großen Organe und Fettleibigkeit genannt. So steht in diesem Werk in dem Teil Su Wen (“Einfachen Fragen”) geschrieben (eigene Übersetzung):
“Diese Störung tritt auf bei denen, die dick und schön sind. Diese Menschen essen zu viel süßes, feines und fettes Essen. Das Fette erzeugt Hitze im Körper, das Süße macht in der Mitte (chinesisch die Milz) eine blockierende Fülle. Deshalb fließt das Qi darüber über ( was wir zum Beispiel als Sodbrennen kennen) und verwandelt sich in Durst und Verluste (damit ist der starke Harnfluß gemeint).”

Die Hitze führt zu einem Überhitzen im Körper und damit zu einer Schädigung der Substanz und einer Schädigung des Kühlsystems (welches wir chinesisch Blut nennen) mit Verlust von Flüssigkeiten und den Hauptsymptomen Polydipsie (viel Durst), Polyphagie (viel Hunger), Polyurie (viel Harn), körperliche Abmagerung. Die Therapie wurde damals mit einer konsequenten Ernährungsumstellung, mit Akupunktur und mit chinesischen Arzneien (die wir bei uns im Westen “Kräuter” nennen) durchgeführt. Und das 200 Jahre vor Christus!

Und wie steht es um das Wissen bei uns im Westen?
Bei uns wurde erstmalig im 17. Jahrhundert der Zusammenhang zwischen Ernährung und Diabetes mellitus verstanden (1684 beschrieb Thomas Willis, dass DM durch den „vermehrten Konsum von zu viel Essen und Wein“ seit der Antike stetig zunimmt). 1776 konnte Matthew Dobson erstmalig beweisen, dass im Urin von Diabetikern Zucker drin ist. So wurde zum ersten mal der Zusammenhang von DM mit dem Kohlenhydratstoffwechsel hergestellt. Ein paar Jahre später war es John Rollo, der erstmalig bei uns Diabetes mit einer Diät behandelte: viel Eiweiss, wenig Kohlenhydrate und Zusätze, die den Appetit bremsen, wie Antimon, Digitalis und Opium.

Das für uns Faszinierende ist, dass die Chinesen bereits 2000 Jahre vor uns die Zuckerkrankheit mit einer Diät und Lebensumstellung (wie Gewichtsabnahme) behandelten.

Ich möchte Ihnen die chinesische Denkweise noch etwas näher bringen: Wir, die wir die Traditionelle Chinesische Medizin praktizieren, nennen unseren gesamten Verdauungsapparat abstrakt “Milz” oder “Mitte”. Damit meinen wir zusammengefasst all jene inneren Organe, die irgend etwas mit Verdauung zu tun haben. Der westliche Begriff wäre in etwa “Gastro-Intestinal-Trakt (Magen-Darm-Trakt inklusive der Bauchspeicheldrüse, die ja auch unser Insulin produziert, und jenem Teil der Leber, welcher Verdauungssäfte herstellt) plus Metabolismus”, dem Stoffwechsel. Der Begriff Milz beschreibt, dass wir Lebensmittel aufnehmen, mit Atemluft vermengen und aus diesem Gemisch Qi, die Lebensenergie, und Blut, die nährende Substanz, herstellen. Beides soll gleichmäßig im Körper fließen. Das ist die Definition von Gesundheit: der glatte Fluss aller Dinge.

… Schleim macht uns zu “Gummibärchen” …

Wenn die Milz müde wird, kommt trotzdem das Essen in den Körper, die Milz schaut es an und sagt: “Ich bin sooo müde, ich kann das einfach nicht verarbeiten!” Sie nimmt all das Essen und wirft es in die Mistkübel. Und mit der Zeit schaut es aus, überall im Körper stehen volle Mistkübel herum. Das nennen wir chinesisch Feuchtigkeit. Diese Feuchtigkeit ist also Unverdautes, das überall im Körper herumliegt (ein vergleichbarer Begriff unserer Sprache wäre Schlacke). Die Chinesen sagen: Kommt noch Hitze dazu (zum Beispiel von viel Stress oder von viel Süßem, so wie es oben im Text des Nei Jing geschrieben steht), dickt sich die Feuchtigkeit ein und es entsteht Schleim. Und “hast du Schleim, vergiss den Rest, weil da brennt der Hut!” Warum? Weil Schleim bedeutet, dass wir langsam zu einem Gummibärchen werden. Und Sie können sich vorstellen, dass es in einem Gummibärchen nicht mehr glatt fließt.

… sich so wie die Armen im ländlichen China zu ernähren wäre optimal!

Eine typische Erkrankung dieser müden Milz ist die Zuckerkrankheit, wobei wir hier im Text immer den sogenannten Typ II Diabetes meinen, jenen, der bei uns dramatisch zunimmt, weil wir immer mehr Menschen mit einer müden Milz haben…Sie fragen sich jetzt sicher: Warum ist denn die Milz bei uns so müde? Und die Hauptantwort: Weil wir nicht lieb sind zu unserer Milz! Und wie wir lieb sein können zu unserer Milz, ist klar definiert: Die Milz ist so müde, dass Sie keine Energie mehr hat zu kochen. Also sollten wir ihr vorkochen.
Das bedeutet Punkt eins: regelmäßig warm (gekocht, zubereitet) essen.

Punkt zwei: Süßes meiden! Damit meinen wir alle Kohlenhydrate, die kurzkettig sind und damit fast so aussehen wie Zucker: Zucker (selbst), Fruchtzucker, Weissmehl und dessen Produkte.

Punkt drei, und das ist ein moderner Punkt, den ich Ihnen ein bisschen genauer ausführen möchte: In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde in China durch den Amerikaner Colin Campbell die bislang größte Ernährungsstudie durchgeführt. Es wurde primär der Zusammenhang zwischen verschiedenen Krebsarten und Ernährung untersucht.

“… lieb sein zur Milz!”

Die Ergebnisse dieser mehr als 27 Jahre gelaufenen Studie haben aber viel weitreichendere Konsequenzen für unser Denken und Leben.
“The China Study” von Colin Campbell:
Der große Unterschied im ländlichen China zu den USA: deutlich mehr Kalorien am Tag, weniger Fett, viel mehr Ballaststoffe, weniger Gesamteiweiß und deutlich weniger tierisches Eiweiß, deutlich mehr Eisen. Im ländlichen China stammen die täglichen Kalorien, die zu sich genommen werden, nur zu 10 % von Tieren, 90 % sind rein pflanzlich. Und pflanzlich heißt in dem Fall viel Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst, mit vielen Ballaststoffen und einem prozentuell geringeren Anteil an Eiweiß, welches zu 90 % von den Pflanzen stammt.

Auf den Punkt gebracht: Der Konsum von zu viel tierischem Eiweiß (wie es in allen tierischen Produkten vorkommt: Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte) führt unweigerlich zu unseren westlichen Zivilisationskrankheiten, wie eben auch den Diabetes mellitus (Typ II, aber bis zu einem gewissen Grad auch Typ I). Optimal ist, sich so wie die Armen im ländlichen China zu ernähren, aber zusätzlich gute sanitäre Verhältnisse und eine gute trockene, beheizbare Unterkunft zu haben, sich trotzdem gut zu bewegen und den Stress in Maßen zu halten.

“The China Study” hat uns sehr klar vor Augen gehalten, worum es in der Chinesischen Medizin heute bei uns geht: Lernen von der Lebensweise der ländlichen Chinesen (in den Städten haben sich diese schon sehr an uns angepasst…) und entsprechend unsere Ernährung umzustellen.
DAS bedeutet “lieb sein zur Milz”, und das ist eine Möglichkeit, um der Zuckerkrankheit bei uns zu begegnen. Zusätzlich gibt es in der TCM natürlich noch die Akupunktur und die Kräuter. Aber diese sollen die “Milz-freundliche” Ernährung nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

Dr. Georg Weidinger ist Autor der Bücher “Die Heilung der Mitte” und “Die tägliche Heilung”.

Foto: © Gabriele Weidinger

Dr. Georg Weidinger
Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin
1100 Wien, Hasengasse 31/4

E-Mail: mail@dieweidingers.com
Telefon: 0699/ 113 42 978




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