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Die feuchte Wundversorgung

Die Versorgung von chronischen Wunden ist langwierig und stellt eine große Herausforderung dar. Der ideale Wundverband sollte ein feuchtes Wundmillieu im Wundbereich erhalten.

Wunden am Fuß eines Menschen mit Diabetes mellitus zählen neben dem Dekubitus (Wundliegen) und dem Ulcus cruris (offenes Bein) zu den häufigsten chronischen Wunden. Eine Wunde wird dann als chronisch bezeichnet, wenn sich innerhalb von vier bis zwölf Wochen nach Wundentstehung unter fachgerechter Therapie keine Heilungstendenz zeigt (DNQP, 2009, S. 26). Chronische Wunden sind überwiegend Komplikationen bestehender unterschiedlicher Grunderkrankungen wie der chronisch venösen Insuffizienz, der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit oder des Diabetes mellitus (DNQP, 2009, S. 27).

Eine Wunde bedeutet eine Durchtrennung verschiedener Gewebsschichten infolge von äußeren oder inneren Ursachen. Dabei können neben den Hautschichten der Oberhaut, der Lederhaut oder der Unterhaut auch tiefer gelegene Strukturen wie Bänder, Sehnen oder Knochen geschädigt werden (Schröder, 2010, S. 145).
Die Versorgung von chronischen Wunden ist langwierig und stellt eine große Herausforderung dar. Obwohl seit Jahren bekannt ist, dass eine feuchte Wundversorgung zu den besten Heilungsergebnissen führt, gehen die Meinungen über eine adäquate Versorgung chronischer Wunden auseinander.

Schon 1962 konnte der britische Wissenschaftler Dr. George D. Winter durch selbst gesetzte Wunden bei Schweinen nachweisen, dass Wunden unter Folienverbänden eine schnellere Abheilung aufweisen als mit traditionellen Kompressenverbänden. Dr. Winter beobachtete in seiner Vergleichsstudie, dass ein feuchtwarmes Klima unterhalb eines Folienverbandes die Heilung von Wunden deutlich begünstigt. Seine Ergebnisse widersprachen den im Wortsinne „antiken“ Grundsätzen, denen zufolge eine Wunde möglichst trocken gelegt und trocken gehalten werden muss (Protz & Sellmer, 2010, S. 386). Die Produkte der traditionellen trockenen Wundversorgung wie z. B. Mullkompressen, Vlieskompressen, Saugkompressen oder Wundgazen dienen zur Aufnahme von Wundsekret, haben eine Polsterfunktion, sind Schutz gegen äußere Einflüsse und sind unter anderem Träger für Arzneimittel (Protz K. , 2011, S. 13-14).

Traditionelle Wundauflagen sollen möglichst viel Wundsekret aufnehmen, was allerdings zu einer Austrocknung der gesamten Wunde führt. Es bildet sich dabei ein die Abheilung blockierender Schorf bis hin zu einer Nekrose (abgestorbenes Gewebe). Innerhalb eines trockenen Milieus wandern die für die Heilung erforderlichen Epithelzellen nicht in die Wunde ein. Ebenfalls können die für die Immunabwehr in der Reinigungsphase der Wunde wichtigen Makrophagen (Fresszellen) nur im Wundrandbereich verbleiben und nicht im gesamten Wundgebiet tätig werden. Eine Kompresse bietet keinen ausreichenden Schutz gegen das Eindringen von Keimen und Bakterien und isoliert die Wunde in thermischer Sicht nicht ausreichend. Abgesehen davon ist der Verbandwechsel von traditionellen Wundauflagen sehr schmerzhaft. Es wird ein regelrechtes Wundpeeling durch das schmerzhafte Abziehen der in die Wundauflage eingewachsenen Kapillaren (Haargefäße) und Fibringerüste (Fasergerüste) erzeugt. Die Anforderungen an Wundauflagen haben sich unter dem Einfluss der modernen Wundversorgung längst geändert.

Moderne Wundauflagen verkleben nicht mit dem Wundgrund

Im Gegensatz zu den schon angeführten traditionellen Prinzipien, wirken moderne Wundauflagen selbst als therapeutisches Mittel und verhindern grundsätzlich das Austrocknen der Wunde (Protz K. , 2011, S. 15). Auf den Prinzipien der modernen Wundversorgung aufbauende Verbände nutzen Substrate, welche die Wundheilung fördern. Substanzen wie Kollagen, Hyaluronsäure und Wachstumsfaktoren übernehmen eine aktive Rolle im Heilungsprozess (Protz & Schröder, 2010, S. 389).

Moderne Wundauflagen schaffen und erhalten durch ihre Folienbeschichtung ein feucht – warmes Mikroklima (Protz & Schröder, 2010, S. 390). Zusätzlich dient die Folie als Schutz vor dem Eindringen von Störfaktoren wie Keimen, Fremdkörpern oder Feuchtigkeit und ermöglicht durch ihre Semipermeabilität (Halbdurchlässigkeit) gleichzeitig einen Gasaustausch. Ebenfalls wird eine gute Wärmeisolierung erreicht, da diese Wundauflagen Temperaturen von 30-35°C erhalten und so ein für die Gewebsneubildung optimal warmes Wundmilieu schaffen. Bei zügiger Gefäßbildung kommt es zu keinem Einwachsen der Kapillaren (Haargefäße) in die Wundauflage. Moderne Wundauflagen verkleben somit nicht mit dem Wundgrund, wie dies bei eingewachsenen oder angetrockneten Kompressen der Fall ist. Das ermöglicht einen gewebsschonenden und schmerzfreien Verbandwechsel. Das warme und feuchte Mikroklima unter der semipermeablen (halbdurchlässigen) Folienbeschichtung garantiert, dass sich die Makrophagen (Fresszellen) optimal innerhalb der Wunde bewegen können. Sie nehmen Fremdstoffe, Mikroorganismen, Gewebetrümmer in sich auf, lösen diese durch Enzyme auf (von Blutzellen) und unterstützen damit eine ungestörte Keimabwehr (Protz & Schröder, 2010, S. 390).

Zusammenfassend sollte ein idealer Wundverband also durch Undurchlässigkeit von außen für Mikroorganismen vor Zweitinfektionen schützen, er
soll überschüssiges Sekret und giftige Bestandteile entfernen
und ein feuchtes Wundmillieu im Wundbereich erhalten. Weiters soll er thermisch die Wunde isolieren und
einen Gasaustausch gewährleisten. Außerdem soll die Wundauflage
keine Fasern und Fremdstoffe abgeben, anwenderfreundlich und
gewebsschonend sein. Zusätzlich sollen natürlich die Bedürfnisse der Betroffenen integrierbar sein und zu guter Letzt sollen die Verbände auch leistbar sein (Protz & Schröder, 2010, S. 390).

Abschließend sei hier noch angemerkt, dass für sich genommen nur die richtige Wundauflage keinen Heilungserfolg gewährleisten kann. Entscheidend ist immer, dass alle an der Versorgung Beteiligten gemeinschaftlich und professionell zusammenarbeiten. Der Versorgung steht immer die Erfassung und Behandlung sowie idealerweise die Beseitigung der Wundursachen und Störfaktoren voran. Erst danach kommen die Verbandsmaterialien der modernen Wundversorgung wundphasengerecht zum Einsatz (Protz & Sellmer, 2010, S. 425) und führen im Idealfall zur Abheilung der Wunde.

Foto: © Privat

Romana Eva Jurkowitsch, BSc

Gesundheits- und Pflegeexpertin, Pflegepädagogin, DGKS

Praxis für Gesundheits- und Pfl egeberatung u. Versorgung chronischer Wunden:

3512 Mautern an der Donau
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Telefon: +43 676 / 39 790 54,

E-Mail: romana.jurkowitsch@gmx.at
Web: Externer Linkwww.romanajurkowitsch.net

Literaturverzeichnis:

DNQP. (2009). Expertenstandard Pflege von Menschen mit chronischen Wunden. Osnabrück: Schriftenreihe des deutschen Netzwerkes für Qualitätsentwicklung in der Pflege.

Protz, K. (2011). Moderne Wundversorgung. München: Elsevier GmbH.

Protz, K., & Schröder, G. (2010). Wundanamnese und Wundassessment. In E.-M.

Panfill, & G. Schröder, Pflege von Menschen mit chronischen Wunden. (S. 155-172). Bern: Hans Huber.

Protz, K., & Sellmer, W. (2010). Zeitgemäße Wundauflagen – Konzepte und Produkte. In E.-M. Panfill, & G. Schröder, Pflege von Menschen mit chronischen Wunden (S. 379-426). Bern: Hans Huber.

Schröder, G. (2010). Besonderheiten chronischer Wunden. In E.-M. Panfil, & G. Schröder, Pflege von Menschen mit chronischen Wunden. Bern: Hans Huber.




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