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Die Insulin-Brauer von Kalundborg

Aus Hefe-Bakterien wird das Hormon für Millionen produziert.

Eine Million Quadratmeter, das entspricht 156 Fussballfeldern, umfasst das Werksgelände im dänischen Kalundborg. Dort stellt der Pharmakonzern Novo die Hälfte des weltweiten Insulinbedarfs her. Die Grundlagen dafür hat man der Landwirtschaft abgeschaut.

Rund 90 Jahre ist es her, dass das dänische Forscherpaar August und Marie Krogh nach einer Kanadareise hocherfreut nach Hause kam. Im Gepäck hatten die beiden das Wissen um die Herstellung von Insulin, die Anfang der 20er-Jahre noch ausschließlich mit Rindern oder Schweinen möglich war. Kühe gab es in der saftigen Landschaft des dänischen Königreichs genügend. Aber auch das Wissen dänischer Bierbrauer trug bei.

Zunächst kopierte man das Schleudern und Filtern, wie es bei der Honigernte oder beim Bierbrauen gemacht wird, zum Reinigen des aus tierischen Bauchspeicheldrüsen gewonnenen Insulins. Der große Durchbruch gelang, als Forscher den ungewöhnlichen Stoffwechsel von Hefe-Bakterien entdeckten. Hefe-Pilze vermehren sich bei guter Fütterung mit Zucker und Vitaminen durch Zellteilung und geben als Verdauungsprodukt Insulin frei.

In Kalundborg stehen Dutzende von turmhohen Bioreaktoren. Luftschrauben fächeln den umgepolten Organismen Sauerstoff zu. Lastwagenweise werden Getreideabfälle aufs Werksgelände gefahren – Futter für die Bakterienbrut. Als Zusatzkost werden Stickstoff, Vitamine und Phosphor verabreicht.

Überwacht wird der 24-Stunden-Betrieb in der Hauptsache von Computern, aber auch rund 4.000 Menschen arbeiten in dieser Anlage, in der neben der Hälfte des Insulinbedarfs der Welt auch mindestens 19 “technische Enzyme” und dazu über 40 Hormone und andere Wirkstoffe für die Pharmaindustrie von erbgutveränderten Turbomikroben ausgeschwitzt werden. Unter solch paradiesischen Bedingungen vermehren sich die Faßbewohner explosionsartig. Nach zwei bis fünf Tagen sind aus einem Kubikzentimeter Hefe bis zum Rand mit Schleim gefüllte Fermenter geworden. In den Hallen riecht es verbrannt – Ausdünstungen der Organismen.

Während in Kalundborg gebraut wird, forschen in MålØv, einem Vorort von Kopenhagen, Wissenschafter nach neuen Methoden, die im Kampf gegen die Pandemie Diabetes hilfreich sein können. Vor allem in die Kombination von Insulin und Glucagon-Like-Peptid 1 (GLP1) setzen die Forscher große Hoffnungen:

  • GLP 1 stimuliert die Produktion von Insulin in den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse.
  • Es senkt die Produktion von Glucagon in den Alphazellen der Bauchspeicheldrüse.
  • Glucagon selbst setzt Glucose (Traubenzucker) aus der Leber frei.
  • Es verzögert die Entleerung des Mageninhaltes in den Darm.
  • Es stimuliert das Sättigungsgefühl.

Durch die ersten beiden Wirkungen werden zu hohe Glukosewerte im Blut verhindert, durch die beiden anderen Wirkungen die Nahrungsaufnahme gedrosselt. Schon jetzt werden die beiden Hormone einzeln oder gemeinsam als Therapie eingesetzt, doch schon bald sollen sie gemeinsam mit einer einzigen Spritze zum Einsatz kommen. Etwa um 2020 will man auch mit einer oralen Version am Markt sein. Die Schwierigkeit dabei: die sensiblen Substanzen müssen unbeschadet das Salzsäurebad des Magens überstehen und erst im Darm ihre Wirkung entfalten. Mit 8,5 Tonnen Druck pro Quadratzentimeter werden die Substanzen zusammengepresst, nur die richtige Beschichtung ist noch nicht gefunden.

„Wir wollen das Gesetz der Halbierungen durchbrechen“, sagt Lise Kingo, Vizepräsidentin von Novo und erläutert: „Rund 380 Millionen Menschen sind weltweit an Diabetes erkrankt, nur rund die Hälfte sind diagnostiziert. Von diesen 190 Millionen werden etwa die Hälfte betreut und davon erreicht die Hälfte ihre Behandlungsziele. Von diesen erreicht nur 50 Prozent die gewünschten Ergebnisse.“

Fazit: Es kommen immer mehr Medikamente auf den Markt, die den Verlauf der Krankheit besser und naturnäher therapieren. Die komplette Heilung der Krankheit ist aber in keinem Konzept vorgesehen. Nicht an Diabetes zu erkranken ist allerdings für die große Mehrheit der Typ-2-Diabetiker keine Utopie: durch vernünftige Ernährung und ausreichend Bewegung könnte mindestens die Hälfte der Typ-2-Erkrankungen vermieden werden.

Foto: © WA Kassin

Peter P. Hopfinger
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