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Grade der Behinderung bei Diabetes

Die bisher geltende Richtsatzverodnung zur Einschätzung des Grades der Behinderung wurde durch die sogenannte “Einschätzungsverordnung” (EVO) ersetzt – dies betrifft auch uns Diabetiker.

Zur Ausstellung eines Behindertenpasses nach dem Bundesbehindertengesetz, oder Anerkennung der „Begünstigteneigenschaft“ nach dem Behinderten-Einstellungsgesetz ist die Einschätzung des Grades der Behinderung (GdB) anhand eines ärztlichen Gutachtens Voraussetzung.

Grundlage der Einschätzung war bis 31.8.2010, bzw. bei Erhöhungsanträgen bis 31.8.2013 die §7 Richtsatzverordnung (RSVO) nach dem Kriegsopfer-Versorgungsgesetz 1957 (BGBl Nr. 150/1965).

Seit 1.9.2010 ist für Erstanträge und seit 1.9.2013 für alle Verfahren die Einschätzungsverordnung (BGBl. Nr. 22/1970 zuletzt geändert BGBl. I Nr. 51/2012) nach dem Behinderteneinstellungsgesetz anzuwenden.
Um zu verstehen, warum eine neue Einschätzungsgrundlage – die Einschätzungsverordnung (EVO) – notwendig wurde, ist eine Rückschau auf die Geschichte der RSVO aufschlussreich.

Geschichte der Richtsatzverordnung

Aus dem 2. Weltkrieg sind Soldaten mit schweren Verletzungen und bleibenden körperlichen und/oder psychischen Erkrankungen zurückgekommen. Viele von diesen hatten deswegen bei ihrer beruflichen Tätigkeit erhebliche Nachteile. Manche konnten wegen ihrer Verletzungsfolgen gar nicht mehr arbeiten. Mit dem Kriegsopferversorgungsgesetz wurde eine Grundlage geschaffen diese Menschen finanziell, abgestimmt auf die erlittenen Gesundheitsbeeinträchtigungen, zu unterstützen. Ziel war es, Arbeitsunfähigen eine Lebengrundlage zu gewähren und körperlich/psychisch eingeschränkten Menschen deren Einkommensnachteile wegen geminderter Leistungsfähigkeit auszugleichen. Diese Prämissen machten es zwingend notwendig, eine Korrelation zwischen Leistungen und körperlicher/psychischer Defizite herzustellen. Die Richtsatzverordnung war das Ergebnis dieser Korrelation.
Die Richtsatzverordnung ist eine Liste typischer im Krieg erworbener Krankheitsbilder und deren Auswirkung auf eine allgemeine Erwerbsfähigkeit (Minderung der Erwerbsfähigkeit). Sie umfasst 725 Positionen an Krankheitsbildern mit zugehörigen Prozentsätzen, die Ausdruck der eingeschränkten, geminderten Erwerbsfähigkeit sind. Zusätzliche Rahmensätze in Zehnerschritten verfeinern die Einstufungen.
1965 wurde mit dem Behinderteneinstellungsgesetz ein Unterstützungsangebot – wie Arbeitsplatzadaptierung, Kündigungsschutz, erhöhter Urlaubsanspruch – auf alle Menschen mit Behinderungen im arbeitsfähigen Alter (bei zumindest 50% GdB) ausgedehnt. Die Ursache einer Behinderung – angeboren, durch chronische Erkrankungen oder nach Privatunfällen – ist gleichwertig.
1990 wurde der Behindertenpass für alle Menschen mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50% eingeführt.
Grundlage der Einschätzung war weiterhin unverändert die Richtsatzverordnung.

Es zeigten sich folgende Probleme:

  • Seit den 60-iger Jahren haben sich diagnostische und therapeutische Möglichkeiten grundlegend geändert.
  • Seit den 60-iger Jahren haben sich auch die Arbeitsanforderungen grundlegend geändert. Beispielsweise waren lediglich 30% Büroarbeitsplätze. Heute sind das rund 70%. Im Gegenzug sind die psychischen Belastungen und kognitiven Anforderungen erheblich gestiegen.

Eine Neufassung der Einschätzungsgrundlage wurde in Angriff genommen und ist als Einschätzungsverordnung (EVO) mit 1.9.2010 in Kraft getreten.

Neufassung der Grundlagen

Einschätzungsverordnung (EVO) – Grundprinzipien:

  • Dem Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechen.
  • Heutigen durchschnittlichen Arbeitsbelastungen gerecht werden.
  • Für alle Altersgruppen gelten.
  • Weitgehende Vermeidung diagnoseorientierter Einschätzung.
  • Besonders ausführliche Klassifikation psychiatrischer Erkrankungen.

Systematik:

  • Im Wesentlichen gibt es 12 Organsysteme – wie z.B. Haut, Stütz- und Bewegungsapparat, Endokrine Störungen – die als Abschnitte definiert wurden.
  • Eine 13. Gruppe – Maligne Erkrankungen – wurde wegen der grundsätzlichen Ähnlichkeit dieser Erkrankungsformen ungeachtet der Lokalisation aufgenommen.
  • Die Beurteilung der Funktionseinschränkungen erfolgt im jeweiligen Abschnitt unabhängig von Ursachen, abhängig vom Ausmaß der Defizite.
  • Sind von einer Erkrankung/Behinderung mehrere Organsysteme betroffen, werden diese gesondert beurteilt und abschließend ein Gesamtgrad der Behinderung erstellt. Es erfolgt jedoch keine additive Wertung, sondern eine Ermittlung der Gesamtauswirkung. Kompensationsfähigkeit, ungünstige wechselseitige Beeinflussung der einzelnen Funktionseinschränkungen sind zu beachten.
  • Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen wurden als eigene kinderspezifische Einschätzungskriterien aufgenommen. Damit wird der besonderen Vulnerabilität einzelner Organsysteme im Entwicklungsprozess Rechnung getragen.

Erarbeitungsprozess:

  • Eingebunden in der Neufassung waren unter der Leitung des Sozialministeriums erfahren Gutachter des Sozialministeriumservice und externe Fachexperten.
  • In kleinen Arbeitsgruppen wurden die einzelnen Abschnitte unter Einbindung externer Experten ausgearbeitet.
  • In der Steuerungsgruppe wurden die jeweiligen Einschätzungshöhen, beginnend beim 50% – Wert, festgelegt; z.B. welche Funktionseinschränkung einer Armfunktion entspricht welcher Herzleistungseinschänkung.
  • Ergänzend zu den Einschätzungen der einzelnen Funktionseinschränkungen (EVO) wurden in einem ärztlichen Handbuch diagnostische Methoden und Abgrenzungskriterien für besonders typische und besonders häufige Fälle beschrieben.
  • Nach der Fertigstellung wurde eine Doppelbegutachtung – aktuelle Untersuchung, Einschätzung nach der RSVO und Einschätzung nach der EVO – in 1000 Fällen durchgeführt. Das Ergebnis war eine weitgehende Übereinstimmung. Abweichungen wurden dort festgestellt, wo sie notwendig waren, weil sich die medizinischen Rahmenbedingungen oder Verhältnisse am allgemeinen Arbeitsmarkt geändert hatten.

Einschätzung des Diabetes mellitus

Nach der Richtsatzverordnung waren Komplikationen wie beispielsweise Sehbehinderungen, Durchblutungsstörungen usw. inkludiert, da wegen der damaligen therapeutischen Möglichkeiten Sekundärfolgen die Regel waren.
Nach der Einschätzungsverordnung erfolgt die Einschätzung nach Abschnitt 09 – Endokrine Störungen.
Siehe hierzu die folgende Tabelle.

Einschätzung nach Abschnitt 09 – Endokrine Störungen

Sekundärfolgen an anderen Organsystemen sind gesondert, zusätzlich einzuschätzen.

Foto: © Manz Verlag

Dr. Christina Wehringer
Leiterin der Medizinischen Fachabteilung IV/8, Sozialministerium

1010 Wien, Stubenring 1

Telefon: 01 / 711 00 6123
E-Mail: christina.wehringer@sozialministerium.at




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