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Eine Frage des Blutzuckers

Diabetiker können Glukose nicht richtig verwerten.
Offenbar macht das aggressiv.

Aggression und Gewalt haben viele Ursachen. So viele, dass sich für Brad Bushmann von der Ohio State University und seine Kollegen die Frage stellt: Warum passiert nicht noch mehr?

Immerhin sei jeder von uns schon mal provoziert oder beleidigt worden, zornig, frustriert, alkoholisiert oder von Gewalt in Medien beeinflusst gewesen. Ohne allerdings jemanden zu verletzen oder gar zu töten. Denn normalerweise funktioniert die Selbstkontrolle verlässlich. Doch zeigen Studien, dass sich Menschen unmittelbar nach einem Akt der Selbstkontrolle weniger gut im Griff haben und aggressiver werden, weil Selbstkontrolle sozusagen eine knappe Ressource ist und, rein psychologisch gesehen, im Gehirn raue Mengen Energie verbraucht – Energie, die zu großem Teil aus dem im Blut verfügbaren Zucker (Glukose) gewonnen wird.

In einem Laborversuch hat das Team um Bushmann jetzt gezeigt: Wer – so wie beispielsweise Diabetiker – den Zucker in seinem Körper nicht richtig verstoffwechseln kann, „handelt gegenüber einem fremden Mitmenschen aggressiver“, wie der Psychologe erklärt: „Gut gesüßtes Blut kühlt heiße Gemüter ab.“ In diesem Lichte bewertet Bushmann die sprunghaft steigenden Zahlen der Diabetesfälle in westlichen Industriegesellschaften „nicht nur als ein individuelles, sondern auch als gesellschaftliches Problem“.

An der Studie nahmen 62 Studenten teil, denen vorgegaukelt wurde, dass ihnen ein Geschmackstest bevorstünde. Sie alle durften zunächst drei Stunden lang nichts essen, um die Menge der aktuell verfügbaren Glukose im Blut zu minimieren. Die Hälfte der jungen Leute bekam dann je eine gezuckerte, die andere Hälfte je eine mit einem Ersatzstoff gesüßte Limo.
Nachdem der Zucker im Blut angekommen war, begann der eigentliche Aggressionstest. Die Probanden sollten 25-mal so rasch wie möglich einen Knopf drücken – immer im Wettbewerb, wie sie fälschlicherweise glaubten, mit einem unbekannten und unsichtbaren zweiten Probanden. Der Verlierer jeder Runde wurde über einen Kopfhörer mit einem unangenehmen Geräusch „bestraft“ dessen Lautstärke der jeweilige Sieger bestimmen durfte. Tatsächlich verpassten die zuvor mit zuckerlosem Süßstoff abgespeisten Teilnehmer ihren fiktiven Spielpartnern merklich lautere Strafen als ihre Kollegen, die gezuckerte Limo hatten trinken dürfen. Der Zucker dämpfte also offensichtlich die Aggressivität.

„Die Aggression hängt mit dem verfügbaren Zucker zusammen“, konstatiert Bushmann und präsentiert zwei weitere Indizien für seine These. Die Forscher sahen sich für das Jahr 2001 einerseits die Zahl der Diabetesfälle in allen 50 US-Bundestaaten an und andererseits die Zahl der Gewaltdelikte – von Mord bis Vergewaltigung. Obwohl der Faktor Armut in der Statistik berücksichtigt wurde, galt die Regel: Je mehr Diabetiker, desto höher die Rate der Gewalt. Bushman sieht „eine wirkliche Verbindung von Diabetes und Gewalt“. Zumal die Forscher in einer dritten Studie die Gewaltraten in 112 Ländern weltweit mit einem anderen Problem des Zuckerstoffwechsels abglichen: dem genetisch bedingten Ausfall eines wichtigen Enzyms, das bei der Verarbeitung von Glukose unerlässlich ist. 400 Millionen Menschen sind von diesem Defizit betroffen. Und in Ländern mit besonders vielen solcher Fälle liegt die Zahl der gewaltsamen Todesdelikte deutlich höher als in Staaten, in denen der Enzymmangel seltener vorkommt. „Wir können nach diesen Studien allerdings nicht sagen, ob Menschen mit diesem Mangel öfter an Gewaltdelikten beteiligt sind“, erklärt der Psychologe und folgert dennoch aus allen drei Studien: „Ein gesunder Zuckerstoffwechsel trägt zu einer friedvolleren Gesellschaft bei.“

Klaus Wilhelm

Nachdruck aus Psychologie Heute 4/2011,
Externer Linkwww.psychologie-heute.de
C. N. DeWall u. a.: Sweetened blood cools hot tempers: physiological self-control and aggression. Aggressive Behaviour, 35, 2010, 1-8




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