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Sind wir „Diabetes-fit“?

Wir Diabetiker kennen diese Situation: Die Diagnose lautet „Sie sind jetzt zuckerkrank!“
Das macht jeden Menschen zu Beginn ratlos. Was jetzt? Was muss, was kann ich tun?

Wie soll ich damit zurechtkommen, was ist überhaupt Zucker? Hab’ ich das, weil ich zu viel Zucker oder Süßes gegessen habe? Darf ich jetzt nur noch Diabetikerprodukte essen? Kann ich jetzt keinen Sport mehr betreiben? Wieso ich, ich bin ja noch gar nicht so alt? Diese oder ähnliche Fragen jagen einem dann durch den Kopf. Nur: wer gibt mir auf diese Fragen Antworten?

Wer macht mich „Diabetes-fit“?
Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Wer an einer Diabetesschulung teilnimmt, findet viele Antworten auf diese Fragen. Na dann, einfach anmelden und an einer Schulung teilnehmen.
Eine Frage noch: wohin kann ich mich denn wenden?
Vor dieser Situation standen schon sehr viele Diabetiker.

Jeder Mensch mit Diabetes hat das Recht auf eine Schulung!

Typ-1-Diabetiker haben Zugang zu Schulungen zumeist in der Klinik. Also warum nicht einfach in eine Diabetesambulanz gehen? Schließlich haben wir in Österreich fast hundert Diabetesambulanzen, die für 95 % der Bevölkerung innerhalb von 30 Minuten erreichbar sind.

Und der Typ-2-Diabetiker? Wenn ich zu meinem Hausarzt gehen will, muss ich wissen, ob er sich bei Diabetes überhaupt auskennt und ob er mich schult. Denn nicht jeder Hausarzt ist Diabetes-fit. Und wie finde ich das heraus? Einfach ausprobieren.
Meine These: Der Zugang zu einer guten Diabetesschulung bleibt schlicht und ergreifend dem Zufall überlassen, ist also reine Glückssache.
In den Leitlinien der Internationalen Diabetes Federation (IDF) wird eindeutig festgestellt, dass jeder Mensch mit Diabetes mellitus das Recht auf eine Diabetesschulung hat. Diese soll möglichst unmittelbar nach Diagnosestellung des Diabetes und weiterhin im Verlauf der Erkrankung angeboten werden.
Wenn das Gesundheitssystem die Spitäler entlasten und die Hausärzte aufwerten will, dann gibt es meiner Ansicht nach einiges an Verbesserungspotential.

Verbessern wir das System!

Diabetesschulungen für Patienten beim Hausarzt dauern ca. 8 Stunden und vermitteln Grundlagen der Erkrankung, Vorsorge (zum Beispiel Fußschulung), Ernährung, Selbstkontrolle, Informationen zu möglichen Folgeerkrankungen und Therapiemöglichkeiten. Ich bin der Ansicht, dass Diabetes ganzheitlich zu betrachten ist. Also ist auch Ernährungs- und Bewegungsberatung einzubeziehen. Und wer den Zusammenhang zwischen Diabetes und Depression kennt, wird zustimmen, dass wir Diabetiker einfach Alltagsstrategien brauchen, um mit unserer Erkrankung tagtäglich zurecht zu kommen. Also in manchen Fällen wäre eine Beratung durch Psychologen bzw. Psychotherapeuten angezeigt.

Ein niedergelassener Allgemeinmediziner erhält nun ca. € 19,- pro Quartal für diese Leistung. Erlaubt sind lediglich Gruppenschulungen mit mindestens 6 und maximal 10 Personen. Jetzt wüsste ich gerne, wer von den geschätzten Lesern dieses Artikels denkt, dass unter diesen Rahmenbedingungen eine qualitativ hochwertige Schulung möglich ist? Und welcher Arzt sich das um diesen Betrag antun möchte?
Für mich bleibt allerdings die Frage offen, ob das Ergebnis verbessert würde, wenn der Betrag verdoppelt werden würde. Ich denke dennoch, dass diese Art der Honorierung überdacht werden muss, wenn man das Bekenntnis zur Diabetesschulung gemäß den Leitlinien der IDF ernst nimmt.

Schlussendlich schließe ich mich der Meinung eines Mediziners an: Diätberatungen sollten nur von Diätologen oder Ernährungswissenschaftlern durchgeführt werden. Und wie wird das bezahlt?
Mein Resümee: Das Honorar muss überdacht werden, ebenso die Einschränkung auf Gruppenschulungen und darüber hinaus muss Diabetesschulung interdisziplinär angeboten werden.

Diabetes und Gesundheitsreform.

Die gerade im Aufbau befindliche Gesundheitsreform nimmt Bezug auf die Volkskrankheit Diabetes. Neue Versorgungsmethoden bei chronischen Erkrankungen wie z. B. Telemedizin sollen ebenso möglich werden wie telefonische Erstberatung. Auch die Primärversorgung (Primary Health Care, PHC) ist ein großes Thema mit dem Ziel, die Hausärzte zu stärken. Wenn wir dann noch ELGA bekommen, Gruppenpraxen schaffen und, wie bereits angesprochen, die Honorierung neu andenken, hätten wir schon viele notwendige Strukturen, um Patientenschulungen adäquat anbieten zu können.
Interessant wäre es, wenn die Entscheidungsträger unserer Republik als flankierende Maßnahmen zur Gesundheitsreform noch den Breitensport und den Schulsport fördern würden. Wenn ich aber hier und jetzt noch eine Adaptierung des Bildungssystems in Richtung Gesundheitsinhalte anspreche, dann sprengt das den Rahmen.

Was kann ich tun?

Ich denke, sich ausschließlich auf fehlende oder unzureichende Strukturen auszureden greift zu kurz. Denn es gibt noch einen Mitspieler, ohne dessen Beteiligung jede Schulung sinnlos ist: uns, die Betroffenen. Ärzte sagen mir, dass in Österreich das Bewusstsein hinsichtlich einer gesunden Lebensstilführung äußerst gering ist. Speziell Diabetes hat einen Vorteil: er tut nicht weh. Diabetes hat aber auch einen Nachteil: er tut nicht weh! Und wenn‘s weh tut ist es zu spät! Daher muss es auch zulässig sein, im Zusammenhang mit Schulungen über Anreizsysteme nachzudenken. Was uns aber kein Gesundheitssystem der Welt abnehmen kann: WIR müssen uns kompetent machen, WIR müssen uns darum kümmern selbst Diabetes-fit zu werden.

Schlussfolgerungen

Es ist zu einfach, uns Diabetiker als inkompetent hinzustellen, wenn der Zugang zu guten Schulungen dem Zufall überlassen bleibt. Ich trete daher dafür ein, dass Schulungen interdisziplinär angeboten werden müssen.
Ich trete dafür ein, dass Vertragsärzte zumindest 1 Programm für Diabetiker anbieten müssen. Entweder das DMP-Programm Externer LinkTherapie Aktiv oder andere Programme wie z. B. den Externer LinkGesundheitsdialog Diabetes. Dieses Telemedizinprodukt der VAEB versetzt den Arzt in die Lage, wöchentlich Lebensstilempfehlungen auf das Handy des Patienten zu senden und die Entwicklung des Gesundheitszustandes zeitnah zu verfolgen. Dadurch besteht die Möglichkeit den Patienten zusätzlich zeit- und ortsunabhängig und situativ zu schulen.
Diabetesschulungen gehören zertifiziert. Dann hätten wir – die Patienten – die Sicherheit, dass die angebotene Schulung qualitätsgesichert ist. Wer im Besitz eines solchen Zertifikates ist hat ein Merkmal, mit dem er Patientenbindung erreichen kann und sich aus der Masse hervorhebt. Wäre das nicht ein Geschäftsmodell für manchen Arzt im niedergelassenen Bereich?
Und ich trete dafür ein, dass Schulungen adäquat honoriert werden müssen. Wenn die Leistung stimmt, muss auch das Geld stimmen. Aber Geld muss Leistung folgen, nicht umgekehrt!

Mir ist bewusst, dass viele meiner Überlegungen hier nur oberflächlich dargestellt werden konnten. Und das Zusammenhänge nicht lückenlos aufgezeigt wurden. Ich stehe aber zu dem Grundsatz „dass jeder Mensch mit Diabetes mellitus das Recht auf eine adäquate Diabetesschulung hat“. Also meine Bitte an die Verantwortlichen: werft Revierstreitigkeiten, Standesdünkel und sonstige Befindlichkeiten in den Mistkübel und versucht Diabetesversorgung und Diabetesschulung anders und neu zu denken. Und mit den Verantwortlichen meine ich nicht nur unsere Politiker.

Damit wir – die Patienten und Ärzte – Diabetes-fit werden!

Foto: © Privat

Helmuth Badjura
Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau, Geschäftsbereich Gesundheit und Innovationen,
OE Leiter-Stv. Gesundheit und Service

1060 Wien, Linke Wienzeile 48-52

Telefon: 050 / 2350-36302
E-Mail: helmuth.badjura@vaeb.at
Web: Externer Linkwww.vaeb.at




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