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Wer steuert meine Diabetes-Therapie?

Kluge Diabetiker versuchen sich selbst zu lenken und ziehen dazu auch die Ratschläge von Experten und gleichfalls Betroffenen heran, um ihre Therapie optimal zu steuern.

Mit Diabetes leben bedingt bei uns Betroffenen eine Notwendigkeit: es muss jemand geben, der die Verantwortung für unser richtiges Leben übernimmt. Und das können wir selber sein, wir können uns aber auch von einer außenstehenden Instanz leiten lassen.

Haben wir selber die Verantwortung, bedeutet dies viele kleine Entscheidungen und natürlich auch einige große, richtungsweisende. Zum Beispiel können wir uns, besonders am Beginn unseres Zustandes, ein Leben wählen, welches auf Medikamente vollkommen verzichtet und unsere Gesundheit nur mit richtiger Ernährung und viel Bewegung steuert. Dies wäre eine große Entscheidung, welche dann in viele kleine Schritte weiterführt. Zum Beispiel zwei Straßenbahnstationen zu Fuß zu gehen – wegen Diabetes – und beim Anblick der Semmel sich auszumalen, welchen Blutzuckeranstieg diese 2 oder 3 BE bewirken und sich zu fragen, ob das Ergebnis dieses Anstieges noch passt.

Um diese kleinen, nebensächlichen Fragen zu beantworten, müssen wir aber einen größeren Aufwand betreiben – zum Wissen, wo sich unser Blutzuckerspiegel befindet, müssen wir uns (auf eigene Kosten, denn ohne Medikamente betrachtet uns unsere Krankenkasse doch als „gesund“ und zahlt keine Messungen) preiswerte Messmöglichkeiten kaufen oder ein super funktionierendes Dauermessgerät mit unserem Körper verbinden. Außerdem sollten wir gelernt haben, welche Kraft uns unser Essen bringt und wie sich dieses einerseits und die Bewegung andererseits auf unseren Blutzucker auswirkt. Schließlich sollten wir wissen, wie die Höhe des Blutzuckers unsere gesamte Gesundheit beeinflusst und wo bei diesem Spiel sonstige Gefahren auftauchen können.
Viele Persönlichkeiten leben nach diesem Prinzip und in den modernen Zeiten wird es uns durch unendlich viele Lern- und Trainingsangebote auch sehr leicht gemacht. Wikipedia zeigt uns vieles, wir brauchen nur unser Handy oder unsere sonstigen Geräte eindringlich befragen.

Die außenstehende Instanz finden wir vorerst bei unserem Hausarzt. Ist er diabetesgeschult und nimmt er uns als „Therapie-Aktiv-Patient“ auf, umso besser. Fühlen wir uns nicht besonders gut betreut und gehen gleich in eine Ambulanz, oder in Wien in ein Ambulatorium der Krankenkasse, übernimmt die große Verantwortung ein Experte.
Das Problem dort ist, dass so viele Betroffene betreut werden möchten, daher zu wenig Zeit zur Verfügung steht. Gibt es bei uns größere Schwierigkeiten, bleibt nur der Weg, sich vom Superexperten die nötige Zeit zu kaufen. Nicht vielen Diabetikern (wir haben 600.000 oder mehr in Österreich) gelingt es, in einer Selbsthilfegruppe das Gespräch mit Personen zu beginnen, die in gleicher oder ähnlicher Lage sind.

Diese Instanzen raten uns jetzt zum Einsatz von Medikamenten, versuchen diesen oder den anderen Weg so lange, bis der Zustand unserer Gesundheit zufriedenstellend wird und die Nebenwirkungen und die Eingriffe in unser soziales Leben erträglich werden. Jetzt gibt es auch bereits Messmöglichkeiten, die von der Krankenkasse bezahlt werden, und wenn es uns gelingt, dem behandelnden Arzt die Messergebnisse gut zu dokumentieren, dann kann dieser die Erfolge seiner Ratschläge und die Genauigkeit, mit welcher wir diese befolgen, überprüfen und sich davon lenken lassen. Da kein Arzt unsere Reaktionen an unserer Nasenspitze absehen kann, sind solche Dokumentationen leider lästig, aber wichtig
(ich empfehle die App Externer LinkmySugr).

Selbst lenken, oder die Verantwortung abgeben?

Kluge Diabetiker versuchen nun, beide Methoden zu vereinen: sie lenken sich selber (bleiben bei Bewegung und richtigem Essen) und probieren dazu die Ratschläge der Experten. Und finden sie noch Kontakt mit gleichfalls Betroffenen in einer Gruppe, lernen sie von diesen die Gefahren, die Nebenwirkungen vieler Medikamente und können diese mit den Experten besprechen, allenfalls auf andere Medikamente ausweichen.

Wir sehen also: Experten denken berufsmäßig, wir Betroffenen sollten im eigenen Interesse denken lernen.
Dazu ist Fortbildung angesagt, Schulung, Diskussion, Fragen stellen, Google durchsuchen – und dann im eigenen Interesse die Verantwortung für die vielen kleinen Schritte im Diabetesleben übernehmen.

Keine Hilfe sehe ich bei diesen Bemühungen durch die Krankenkassen. Die Bedenken vieler beratender Ärzte, die von den Krankenkassen gefragt werden, sind mir ja verständlich: zu viele Messungen verwirren die Patienten nur, besonders, wenn keine Medikamente verschrieben sind, die es möglich machen, sofort auf eine Messung zu reagieren. Wie kann ich auf einen Blutzucker von zum Beispiel 250 mg/dl reagieren, wenn ich meine tägliche Pille bereits vor Stunden eingeworfen habe?

Die Ansicht der beratenden Ärzte: in solchen Fällen ist es die Pflicht des Arztes, der für die Führung der Diabetesbehandlung verantwortlich ist, auf den HbA1c zu reagieren und an der Schraube der Therapie zu drehen, damit solche Ausreißer der Zuckerwerte nicht mehr vorkommen.

Die Frage ist jedoch: welcher Arzt ist bereit, Zeit und viel Arbeit einzusetzen, nur, um seelische Belastungen der Patienten durch zu hoch gemessene Werte zu verhindern, und wer bezahlt dies? Also erfolgt die Umstellung der Therapie meist zu spät und wird von Folgeschäden begleitet. Die Ansicht vieler Betroffener „nur ja nicht Spritzen, das mag ich nicht“ verzögert diese Umstellung auch noch, wobei ich mir aber nicht vorstellen kann, dass man mit 80 leichter das Insulinspritzen erlernt als bereits mit 60.

Die Krankenkassen folgen nun dieser Theorie, verschreiben besonders am Beginn einer Diabetesbehandlung keine oder zu wenig Messungen und verhindern dadurch, dass alle Reaktionen beim richtigen Essen, bei der gezielten Bewegung vom Betroffenen bewusst erlebt werden, dass sich diese an ihren Messergebnissen korrekt durch ihr Diabetesleben in Eigenverantwortung selber führen.
Und vollkommen unverständlich ist mir die Einstellung der für Einsparungen im Krankenkassenbereich zuständigen Sachverständigen, dass der Erwerb und die Anwendung von implantierten Messgeräten dem privaten Einsatz von uns Betroffenen überlassen wird, obwohl dadurch Unmengen von teureren Messungen vermieden werden könnten.

Die Frage nach zufriedenstellender Führung im Diabetesleben beantwortet sich also meiner Ansicht nach wie folgt: Zuerst einmal ist der Betroffene selber verantwortlich. Aus dieser Verantwortung kann niemand flüchten. Sieht man keinen Erfolg, dann ist so lange zu fragen und zu probieren, bis sich der Erfolg zeigt (wenn ich die dafür nötige Disziplin und Energie aufbringe und mir dies nicht durch die Krankheit bereits genommen ist). Danach sollte der Betroffene seine Anstrengungen durch Experten prüfen lassen. Und gelingt eine gute Zusammenarbeit zwischen Experten und Patienten, dann hoffe ich, dass die Ergebnisse in einer Selbsthilfegruppe anderen Betroffenen vermittelt werden.

Foto: © WA Kassin

Dr. Erich Wolfrum
Obmann der „Aktiven Diabetiker Austria“

E-Mail: erich.wolfrum@aktive-diabetiker.at
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ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 28.04.2016 - 10:25 Uhr

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