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Normbedingte Stolpersteine

Schulung und begleitende Betreuung sind absolut notwendige Bestandteile der Diabetesbehandlung. Doch wo und von wem wird definiert, wer diese Maßnahmen durchführen soll?

Wir sind eine Selbsthilfegruppe und keine politische Partei. Wir versuchen, Probleme von Patienten anzusprechen und Lösungen zu fordern, aber Lösen können diese Probleme nur die Politiker. Wir versuchen, den Patienten das Leben mit Diabetes zu erleichtern und laden daher immer wieder zur Teilnahme an unseren Treffen ein, wo gelernt wird, wie es der Nachbar (vielleicht) besser macht.

Probleme gibt es im Diabetikerleben viele. Das beginnt beim Bewegungsmangel in der Schule. Das Glück zu haben, in einer Klasse unterrichtet zu werden wie in Himberg, wo während des Unterrichts ein Teil der Schüler auf einem Zimmerfahrrad sitzt und fleißig tritt und dadurch nachgewiesen viel bessere Lernerfolge hat, ist nicht jedem gegönnt, auch ein Schulbuffet mit „richtiger“ Ernährung findet man selten.

Kinder mit Diabetes erleben oft den Kampf der Eltern um korrekte Betreuung im Kindergarten und in der Schule, wo der betreuende Arzt Teile seiner Verantwortung an Lehrer und Erzieher abgeben kann, dies jedoch nicht angenommen werden muss, und die Verantwortung über diese Vorgänge von keinem Ministerium wahrgenommen werden, bzw. „wie eine heiße Kartoffel“ weitergegeben wird. Schwierigkeiten bei der Berufswahl sind vorprogrammiert, denn wer stellt schon gerne einen „Behinderten“ an.

Wird man ohne Diabetes älter und wächst schön langsam der Bauch (modernes Maß: weiblich unter 88 cm, männlich unter 102 cm), dann sollte man langsam daran denken, über die kommenden 40, 50 Jahre nachzudenken. Niemand kümmert sich jedoch um Vorsorge, und weil sich die Krankenkassen nicht darum kümmern, sorgen wir selber uns auch nicht. Vorsorge war jahrelang nicht bezahlt und zur Zeit lese ich von 5 % der Budgetmittel, die dafür ausgegeben werden.

Verstehen, worauf es bei Diabetes ankommt!

Findet dann ein Zufallstreffer bei einer medizinischen Untersuchung unseren Diabetes, dann verweigert meist das medizinische System, dass wir durch mehrere kompetente Schulungen die Behandlung unserer Erkrankung korrekt durchführen, dass es zu möglichst wenig Eingriffen in unser gewohntes soziales Leben kommt, wir überhaupt verstehen, worauf es für uns persönlich bei der Steuerung unseres Diabetes ankommt. In den meisten wissenschaftlich/ärztlichen Überlegungen über Diabetesbehandlung wird zwar festgestellt, dass Schulung, dass begleitende Betreuung notwendiger Bestandteil der jeweils besprochenen Therapie ist (und es gibt immer mehr, immer bessere
Therapiemöglichkeiten), jedoch nirgends kann ich lesen, wer diese Schulung machen soll, wer mich begleitend beratend betreut und wo ich auf meine persönlichen Fragen Antworten erhalte, um meine Schwierigkeiten zu verstehen und eventuell zu beseitigen.
Hiermit habe ich einige „Stolpersteine“ aufgezeigt, die uns Diabetikern im Weg liegen. Es gibt sicher noch viel mehr, sei es im Bereich von Versicherungen, vom Führerschein, vom unendlichen Zeitaufwand für Arztbesuche, etc.

Politik ist gefordert!

Nun behaupte ich, dass diese Stolpersteine normbedingt sind, dass die Ursache in Gesetzen, in Verordnungen, in Abrechnungsmodalitäten unserer Ärzte liegen. Wir als Selbsthilfegruppe, überhaupt wir Patienten gehören zur „Zivilgesellschaft“, die Stolpersteine sind jedoch von der politischen Gesellschaft zu verantworten. Bundes- und Landesgesetze, Verträge zwischen Ärztekammern und Krankenkassen, Versicherungsbedingungen begründen diese Probleme.

Wir fordern die Schaffung eines Untersuchungsorganes!

Weil in letzter Zeit jedoch die Zivilgesellschaft immer effizientere Lebenszeichen von sich gibt, will ich auch eine Forderung anmelden:
Ich möchte die Schaffung eines Untersuchungsorganes (beim Rechnungshof, beim Bundeskanzler zur Ausübung einer ev. Richtlinienkompetenz) mit der Aufgabe, alle Normen zu prüfen, ob durch diese Stolpersteine geschaffen werden, und diese Normen dann entsprechend zur Abänderung vorzuschlagen.

Zwei Beispiele:
Das Ärztegesetz ist ein Verfassungsgesetz, in seinem § 50a wird dem Arzt z.B. erlaubt, seine Verantwortung an Personen wie Erzieher, etc. weiterzugeben. Es steht in diesem Paragraphen aber auch, dass diese bevollmächtigten Personen durch diese Arbeit keinen Verdienst haben dürfen. Wie soll nun aber unser Hausarzt eine Krankenschwester, welche den Lehrgang für Diabetesberatung bestanden hat, oder eine Ernährungsberaterin beauftragen, Patienten zum richtigen Leben mit Diabetes zu schulen, wenn diese nicht davon leben dürfen, er diese Personen aber auch nicht anstellen kann?

Ein Sommerlager, drei oder vier Wochen lang, für diabetische Kinder ist unheimlich wichtig für das Leben dieser Jugendlichen. Sie lernen Selbstvertrauen, die für sie meist richtige Therapie, sie kommen als „neuer Mensch“ vom Lager zurück. Ein 14-jähriges Mädchen fiel mir so verwandelt auf. Auf meine Frage kam die Antwort: „wir haben jeden abend drei Stunden Diskothek gehabt“, dies natürlich unter ärztlicher Aufsicht und begleitet von vielen fachkundigen Betreuern. Mein Ansuchen an den Fond gesundes Österreich, der Finanzmittel verwaltet, um Unterstützung für so ein Kinderlager wurde jedoch leider abgelehnt, denn Kinder mit Diabetes haben keine „Primärtherapie“, sondern eine Zweit- oder Dritt-Therapie, dies entspricht nicht den Statuten und wird daher auch nicht gefördert.

Vielleicht gelingt es uns als österreichweite Selbsthilfegruppe, als Teil der Zivilgesellschaft, in naher Zukunft unsere Politik zur Schaffung eines solchen Normen-Untersuchungsorganes zu bewegen und in der Folge einige Stolpersteine aus dem Weg räumen zu lassen.

Foto: © WA Kassin

Dr. Erich Wolfrum
Obmann der „Aktiven Diabetiker Austria“

E-Mail: erich.wolfrum@aktive-diabetiker.at
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