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Diabetes im Alter

In Österreich nimmt die Zahl älterer Menschen weiter zu. Diabetes mellitus gehört zu den häufigsten Beratungsursachen bei den über 65-jährigen Patienten einer Hausarztpraxis.

Insbesondere durch häufigere Krankenhausaufenthalte sind die Kosten für ältere Menschen mit Diabetes höher als bei jüngeren. Entscheidend lassen sich die Therapiekosten für den Diabetes mellitus vermutlich nur durch Prävention beziehungsweise Therapie makrovaskulärer Komplikationen, diabetesassoziierter Funktionsstörungen und geriatrischer Syndrome reduzieren.

Aber wer ist überhaupt alt?

Definiert man Alter nicht nach dem kalendarischen sondern dem biologischen Alter, sind die heute 70-Jährigen deutlich jünger als 70-Jährige vor 20 Jahren!
Lebenszufriedenheit – das heißt Fehlen von körperlichen und geistigen Behinderungen – hat dabei eine besondere Priorität, will man dem oft zitierten Spruch “nicht dem Leben Jahre, sondern den Jahren Leben hinzufügen…” gerecht werden. Nach einer anderen Definition sind alte Patienten “in der Regel älter als 65 Jahre und weisen alltagsrelevante Behinderungen auf, die sich meistens als Folge mehrerer verschiedener Erkrankungen entwickeln und die Lebensqualität beeinträchtigen”.
In Anlehnung an die aus den USA stammende Differenzierung der „elderly citizens“ in „Go Go, Slow Go und No Go“, entspräche ein “Go-Go” dem fitten, älter werdenden Diabetiker, der den Alltag inklusive einer möglichen Insulinanpassung an aktuelle BZ-Werte selbstständig meistert. Der “Slow Go” ist im Alter zunehmend auf Hilfe angewiesen und ein pflegeabhängiger Diabetiker entspricht folglich dem “No-Go”.

Ältere Diabetiker benötigen andere Behandlungskonzepte als junge. In der Gruppe der alten Menschen ist etwa jeder zehnte Patient pflegebedürftig. Die Definition des Diabetes mellitus erfolgt unabhängig vom Alter anhand von BZ-Werten. Pro Dekade steigt der Nüchternblutzucker um 0,7-2mg/dl und der postprandiale Blutzucker um 6-15mg/dl. Daher kann bei alleinigen Messungen des Nüchternblutzuckers ein Diabetes längere Zeit unerkannt, oder unterschätzt bleiben.
Diabetes tritt im Alter häufig ohne spezifische Symptome auf und wird häufig spät oder zufällig entdeckt. Ständiger Harndrang oder Inkontinenz, wiederholte Harnwegs-infekte, Austrocknung, Gangunsicherheit und Sturzgefahr oder ständige Müdigkeit können Zeichen eines Diabetes sein. Mitunter verschwindet oder bessert sich sogar eine vermeintliche “Demenz”, wenn der Blutzucker erfolgreich behandelt wird.

Die großen Herausforderungen in der Behandlung alter Menschen lassen sich mit dem Begriff der “5 Giganten der Geriatrie” zusammenfassen: Instabilität, Immobilität, Inkontinenz, intellektueller Abbau und iatrogene (das heißt durch ärztliche Behandlung verursachte) Probleme.

Stichwort Polypharmazie: Oft leiden alte Menschen an mehreren Erkrankungen (Herz- und Kreislauferkrankungen, Asthma, neurologische oder psychiatrische Erkrankungen). Jede Einzeldiagnose wird nach entsprechenden aktuellen Leitlinien therapiert, woraus oftmals eine Vielzahl täglich einzunehmender Medikamente resultiert. Nach der Definition der WHO spricht man von Polypharmazie ab der Einnahme von sechs Medikamenten. Dabei ist längst bekannt, dass mit der Zahl der verordneten Medikamente die Mitarbeit (Compliance) des Patienten abnimmt, die Einnahme daher nicht mehr gewährleistet ist und Medikamente selbst abgesetzt werden oder zumindest die Dosis reduziert wird. Zudem wird die Kontrolle schwieriger (hab ich‘s schon genommen?) und nicht selten nimmt der Trend zur Selbstmedikation zu.

Neben einer oftmals hohen Anzahl verschiedener Medikamente sowie der Notwendigkeit mehrmals täglicher Einnahme von Medikamenten oder Insulininjektionen stellen eine Depression, geistige Defizite und sogenannte „altensichere“ Medikamentenverpackungen weitere Hindernisse dar. In einer Studie an 119 selbstständig lebenden, kognitiv unauffälligen alten Menschen (durchschnittlich 81 Jahre alt, 66% Frauen) zur Medikamentenhandhabung, konnte gezeigt werden, dass viele Verpackungen kaum oder nur sehr eingeschränkt geöffnet werden konnten!
Diesbezüglich ist die Industrie noch gefordert: Insulinpens mit großem Display zum Erkennen der eingestellten Insulinmenge (oder alternativ akustischen Hilfen) sowie geringem Kraftaufwand beim Drehen und Drücken des Pens, Blutzuckermessgeräte mit gut lesbarem Display und ausreichend groß dimensionierten Teststreifen stehen auf der Wunschliste des alternden Diabetikers mit taktilen und visuellen Handicaps leider noch immer ganz oben.

Ebenfalls eine Notwendigkeit stellen strukturierte Schulungen, die Möglichkeiten und Gefahren von Blutzuckertabletten und Insulin vermitteln, dar. Ohne exakte Injektionstechnik sind Schwankungen bis zu 200% der abgegebenen Insulinmenge möglich! Deshalb wurden spezielle Schulungen für ältere sowie kognitiv oder physisch eingeschränkte Menschen entwickelt: Oberstes Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, damit die Selbstständigkeit erhalten und beispielsweise die Einweisung in ein Pflegeheim so lange wie möglich hinausgezögert wird. Bei FODIAL z.B. handelt es sich um ein Fortbildungsprogramm für diplomierte Pflegekräfte in Deutschland, die die ambulante und stationäre Pflege von älteren Menschen mit Diabetes verbessern wollen. Es wurde speziell für die Bedürfnisse der Altenpflege entwickelt. Abgesehen von allgemein internistischen Untersuchungen stellt die Begutachtung der Füße eines Diabetikers durch Arzt und Pflegepersonal leider immer noch ein eher seltenes Ereignis dar.

Eine ausgewogene Mischkost und die gute Kaubarkeit der Speisen sind ebenfalls Thema bei den Senioren. Viele haben übrigens kein Übergewicht, sondern nehmen ungewollt ab. Gründe dafür können ungeeignete Zahnprothesen, fehlende Zähne oder Parodontitis sein. Lässt das Seh-, Geschmacks- und Geruchsvermögen im Alter ab, geht auch die Freude am Essen verloren, weil man nichts mehr riecht oder schmeckt. Durch sinnvolle Zubereitung wie Reiben werden aus hartem Obst und Gemüse (Äpfel, Birnen, Kohl) abwechslungsreiche Vitaminlieferanten, festes Brot kann man in Milch oder Kaffee einweichen.

Gerade im höheren Alter muss man auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. Da das Durstgefühl mit zunehmendem Alter abnimmt, bemerken ältere Menschen häufig nicht, dass sie viel zu wenig trinken. Auch wegen Inkontinenz oder Prostata-erkrankungen trinken viele zu wenig. Wenn ein schlecht eingestellter Diabetiker mit Blutzuckerwerten über 180 mg/dl dann durch die damit erhöhte Harnmenge (Polyurie) zusätzlich an Flüssigkeit verliert, kann dies fatal sein und das Wohlbefinden stark einschränken.

Bewegung ist die Alraune bis ins hohe Alter! Leider führen Arthrosen, frühere Knochenbrüche, oder die Folgen eines Schlaganfalls zu verminderter körperlicher Bewegung. Jeder dritte Mensch im Alter über 65 Jahre stürzt 1x jährlich, viele sogar wiederholt. Die Angst vor weiteren Stürzen schränkt die Mobilität weiter ein. Stürze sind die häufigste Ursache für den Umzug in ein Pflegeheim. Dabei wären Kraft- und Balancetraining auch im Alter mit einfachen Hilfsmitteln (Kleingeräte wie Handgewichte und Gewichtsmanschetten) möglich und sinnvoll. Ausreichende Muskelkraft und ein gutes körperliches Balancegefühl sind wichtige Komponenten für sicheres Gehen und können helfen, Stürze zu vermeiden.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass ältere Menschen eine uneinheitliche Gruppe (Go-Go, Slow-Go, No-Go) darstellen. Die Bedeutung des Diabetes in dieser Altersgruppe ist wegen der hohen Beteiligung im Alter und den damit verbundenen Kosten- und Pflegeleistungen nicht hoch genug einzuschätzen. Für Medikamente gilt oftmals “weniger ist mehr!”, Therapiestrategien sollten immer und besonders die Frage nach der Lebensperspektive der Betroffenen implementieren.

Literatur beim Verfasser

Foto: © Privat

OA Dr. Wolfgang Waldschütz
Wiener Gebietskrankenkasse, Gesundheitszentrum Wien Süd, Diabetes und Stoffwechselambulanz

1100 Wien, Wienerbergstraße 13

Telefon: 01 / 601 22-4265
E-Mail: wolfgang.waldschuetz@wgkk.at
Web: Externer Linkwww.wgkk.at




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ARTIKEL EMPFEHLEN | ARTIKEL DRUCKEN | Letztes Update: 27.08.2016 - 06:41 Uhr

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