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Typ-1 - Fit für den Alltag

Wie werden Kinder und Jugendliche mit Diabetes-Typ-1 für den Alltag fit?

Keine Frage, fast jede/r von uns war schon einmal auf einem Camp. Die Erinnerungen – unterschiedlich positiv besetzt. Aber können wir auch sagen, ob es damals für uns altersgerecht gewesen war? Können/sollten wir das für unsere Kinder in Erwägung ziehen oder sogar befürworten?

Vor fast 25 Jahren – damals gab es noch keine so tollen Pumpen und technische Hilfsmittel wie heute – haben sich Eltern und Ärzte der Univ.-Kinderklinik Graz zusammen getan, den Verein Externer LinkDiabär gegründet und die ersten Camps veranstaltet. Die Dauer des Camps war drei Wochen. In dieser Zeit konnte durch gezielte Veränderungen und Beobachtungen der Diabetes zum Wohl der Kinder besser eingestellt werden. Die Camps waren folglich vor allem medizinisch indiziert.

Verbesserungen durch Knowhow und Technik
Aber die Zeiten haben sich geändert. Zum einen können durch technische Hilfsmittel in kürzerer Zeit bessere und konstantere Ergebnisse hinsichtlich Blutzuckerspiegel erzielt werden und zum anderen hat sich auch unsere
Gesellschaft verändert. Und hier denke ich nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern auch deren Erziehungsberechtigte. Daher veranstaltet der* Verein Diabär zwei Arten von einwöchigen Schulungscamps* – das Standard-
Schulungscamp für 8 bis 13-Jährige und das Abenteuer-Schulungscamp für 12 bis 18-Jährige.

Mit Bezug auf die geänderte Gesellschaft sind wir schon bei einem Schwerpunktthema, denen Camps heutzutage Rechnung tragen müssen – dem Loslassen. Beiderseits! Gemeint sind damit Kinder/Jugendliche einerseits und Eltern andererseits. Mehrere Nächte ohne Eltern in fremder Umgebung schlafen. Alleine das trägt schon zum „Selbständig werden“ bei. Die Eltern können beruhigt sein, denn hier sind fachspezifische Ärzte immer in nächster Nähe. Bei den Kindern wird täglich auch in der Nacht während des Schlafes gemessen bzw. kontrolliert (einmal ehrlich, wie viele Eltern führen dies täglich durch?!).

Ausrutscher in den Griff bekommen
Bei den Jugendlichen am Abenteuer-Camp geschieht dies hingegen nicht. Morgendliche „Ausrutscher“ werden aber dafür gleich mit dem Arzt besprochen. Und der Jugendliche ist letztlich stolz darauf, dass er dies nun im Griff hat, sie/er sich zusammenreimen kann, warum der niedrige/hohe Wert zustande gekommen ist und wie man das künftig vermeiden kann.
Dann die sportliche Betätigung am Camp. Vor allem bei Kindern, die üblicherweise eher ruhiger sind, kann sich die vermehrte sportliche Tätigkeit auf den Blutzucker auswirken. Beim einen mehr, beim anderen weniger drastisch. Bei den Kleineren am Standard-Schulungscamp entscheidet und beeinflusst der Arzt die Basalabgabe. Die Kleineren fühlen sich wohl und lernen zumindest, dass bei längerer erhöhter körperlicher Tätigkeit sich etwas in der Insulinabgabe ändern muss sowie, dass sie zusätzliche BEs zu sich nehmen müssen. Die Eltern bekommen nachträglich die spezifische Information zu ihrem Kind und haben damit auch zusätzliches Wissen aufgebaut.

Spielerisch zu weniger Basis-Insulin und mehr Sport
Bei den Jugendlichen am Abenteuer-Camp wird eine andere Vorgangsweise gewählt. Verminderte Basalrate, zusätzliche Sport-BEs, etc. werden mit ihnen besprochen. Und nichts ist so lehrreich, wie ein kleiner „Ausrutscher“. Aha, ich bin zu tief / zu hoch! Habe ich das falsch eingeschätzt? Habe ich zu viele Sport-BEs zu mir genommen? In ungezwungener Umgebung lernt man sich mitzuteilen, ja darüber zu sprechen. Und dann findet man in den schriftlichen Rückmeldungen der Jugendlichen zum Abenteuer-Camp Angaben wie „Sport geht auch mit Diabetes. Diabetes stört nicht den normalen Lebensablauf“ bis hin zu „Ich habe das BE-Schätzen und richtiges Spritzen gelernt“.

Kinder beim Fussball spielen.

Kinder/Jugendliche lernen spielerisch und damit unbewusst viel mehr fürs Leben, als wenn es aufoktroyiert ist. Daher ist der „Spassfaktor“ enorm wichtig. Beim Standard-Schulungscamp schauen sich Kinder bei den durch Pädagogen vorgegebenen Spielen, die teilweise mit sportlicher Herausforderung gepaart sind, im etwa gleichaltrigen Umfeld Vielerlei ab. Es gibt sozusagen einen gesunden Wettbewerb – man will etwas erreichen, was ein anderer schon kann. Ein gerade Achtjähriger sagte nach dem Standard-Camp: „Jetzt kann ich endlich alleine zu meiner Großmutter gehen, denn ich kann mich selbst spritzen“.

Beim Abenteuer-Camp in den Bergen gibt es Herausforderungen anderer Art. Frühstück und Essen gemeinsam vorbereiten und dabei selbst die BEs abschätzen. Eine kleine Tour auf den Berg oder ein Besuch im Kletterpark. Was macht da mein Blutzucker? Welche Nahrung nehme ich vorsorglich mit und wie beuge ich einem Hypo vor? Spätestens bei abendlichen Gemeinschaftsspielen oder beim selbst entfachten Lagerfeuer und selbst gebratenen Würsteln werden die Erlebnisse und Erfahrungen ausgetauscht. Und somit lernt wieder einer vom anderen (und umgekehrt).

Alle profitieren: Kinder, Eltern und auch Ärzte
Unerwähnt darf aber auch nicht bleiben, dass die in den Camps tätigen Mediziner ebenfalls lernen. Die heute in der Technik en vogue „Felderfahrung“ ist auch im Falle Diabetes durchaus vorteilhaft. Die komplexen Situationen im täglichen Leben unterscheiden sich oftmals von der Momentaufnahme im klinischen Umfeld (wir bekommen das auch als Rückmeldung). Interessante und wertvolle Rückschlüsse lassen sich alleine schon aus den Beobachtungen am Diabetes-Camp ziehen. Und mit der gewonnenen „Felderfahrung im spielerisch/sportlichen Camp-Umfeld“ bekommen unsere Kinder und Jugendlichen von den Ärzten bei der Diabeteskontrolle auf der Klinik Informationen und Ratschläge noch lebensnaher.
Zusätzlicher Nebeneffekt: eventuelle umgebungsbedingte Barrieren sind praktisch nicht vorhanden und Ratschläge werden von den Betroffenen jeglichen Alters leichter aufgenommen und umgesetzt – denn man kennt sich ja aus der ungezwungenen Umgebung der Camps.

Fazit: beim Besuch der angebotenen Camps mit ärztlicher und pädagogischer Betreuung, werden Kinder und Jugendliche mit Diabetes-Mellitus-Typ-1 fitter, um den Alltag ihrem Alter entsprechend bewältigen zu können.

Nachsatz: ganz nebenbei können und werden auch die Eltern davon profitieren. Im Triumvirat Kinder, Eltern, Mediziner gibt es mit den Diabetes-Camps folglich nur Gewinner.

Foto: © Führer

Dipl.-Ing. Harald Führer
Camp-Organisator und Pastobmann des „Verein für Diabetiker der Univ.-Kinderklinik Graz“ (= Diabär)

Telefon: 0676 / 533 11 62

E-Mail: harald@fuehrer.at
Web: Externer Linkwww.diabaer.at




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